Michael Pape setzt sich für den Blasrohrsport ein
Michael Pape ist seit mehr als 30 Jahren passionierter Bogenschütze. Beim Schützenfest der Schützenkameradschaft (SK) Kirch-Westerweyhe im Landkreis Uelzen wurde der 67-Jährige vor Kurzem unerwartet Schützenkönig. Vielleicht war es sein Vorteil, dass er Experte für den Blasrohrsport ist, denn erstmals wurde beim Schützenfest mit dem Gewehr, dem Bogen und dem Blasrohr geschossen.
Der Blasrohrsport ist in ganz Deutschland vertreten, fristet jedoch ein Nischendasein. Michael Pape gefällt die Bezeichnung „Blasrohrschießen” nicht, denn geschossen wird in dem Sport nicht – sondern mit dem Mund geblasen. Bis vor zwei Jahren übte der Berliner den Blasrohrsport im Verein TSV Spandau aus, in dem er viele Jahre Vereinsmanager war. Doch er und seine Frau hatten genug von Berlin und zogen näher an ihre Kinder und Enkelkinder im Raum Uelzen. Nun nennt er das Dorf Vinstedt in der Gemeinde Natendorf sein Zuhause. Hier kann seine Frau als leidenschaftliche Pferdesportlerin reiten, während Michel Pape dem Bogen- und Blasrohrsport nachgeht – inzwischen hauptsächlich als Trainer. Der Blasrohrsport wirkt auf den ersten Blick unkonventionell, erinnert er doch an das Schießen von Papierkügelchen oder Erbsen aus der Kinderzeit, um anderen eins auszuwischen. Doch inzwischen gibt es professionelles Equipment und zahlreiche Wettbewerbe, die zeigen, dass es sich um eine ernst zu nehmende Sportart handelt.
Vom Bogenschießen zum Blasrohr
Sportler war Michael Pape schon sein Leben lang. In den achtziger Jahren war er Leistungssportler im Squash. Als er aus dem Leistungssport ausstieg, machte er einen Abstecher zum Mountainbiken, doch ihm fehlte der Anspruch fürs Köpfchen. So landete er 1990 beim Bogenschießen. Über die Jahre baute der Berliner die Bogensport-Abteilung im TSV Spandau auf. „Das Bogenschießen habe ich in dem Verein rund 300 Leuten beigebracht”, erzählt der Schütze. Besonders das intuitive, meditative Bogenschießen, bei dem Konzentration, das Fokussieren und Aufbauen von Spannung wichtiger sind als der Leistungsgedanke, wurde zu seinem Fachgebiet. „Ich war vernetzt wie eine Spinne im Gesundheitsnetzwerk – ich habe drei Ehen gerettet”, erzählt er. Beim Blasrohrsport landete Michael Pape im Jahr 2013 durch einen Zufall. „Ein Freund von mir wurde verlassen, und das mussten wir mit Alkohol betrauern”, erinnert er sich. Pape hatte schon lange ein Blasrohr zu Hause, das er sich einst bestellt hatte. In ihrer Alkohollaune probierten die beiden Freunde ihr Glück mit dem Blasrohr, schossen aus fünf, aus sieben, aus zehn Metern auf die Zielscheibe. Und siehe da: Es machte Spaß und funktionierte gut! „Dann hat es mich gepackt”, erzählt der Schütze, der anfangs seine Blasrohre noch selbst baute. „Es gab zu der Zeit nur ganz wenige Quellen, wo man die kaufen konnte, und sie waren sehr teuer. Heute gibt es viele Läden mit Zubehör”, erzählt er und fügt hinzu: „Mein erstes Blasrohr hat eine Gummimuffe von einer Klospülung.” Als Handwerker fiel ihm das Bauen der Rohre nicht schwer: Der Gas-Wasser-Installateur-Meister war in Berlin rund 20 Jahre lang selbstständig mit eigenen Unternehmen. Vor zweieinhalb Jahren ging er in den Ruhestand. „Mein erstes selbstgebautes Blasrohr ist wunderschön, es ist aus Bambus und innen mit Aluminium”, sagt Pape. Das Bauen der Rohre machte ihm jahrelang Freude, doch nach dem er auch für Kameraden Blasrohre gebaut und einige verkauft hatte, beendete er es. „Ich wollte kein Geschäft draus machen”, sagt er.
Schon 2014 nahm Michael Pape an seinem ersten Blasrohrturnier in Bayern teil. Beigebracht hatte er sich den Sport selbst, mit selbstgebauten Rohren. In seinem Verein TSV Spandau baute er die Blasrohr-Abteilung auf, die heute mehr als 50 Mitglieder habe, erzählt Pape. Das versucht er nun seit einem Dreivierteljahr auch in seinem neuen Verein, der SK Kirch-Westerweyhe. Einmal die Woche mittwochs von 16 bis 18 Uhr trainiert der 67-Jährige eine Gruppe im Blasrohrschießen im Schützenhaus. Acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien dabei, berichtet Pape, der Altersdurchschnitt liege bei 50 Jahren aufwärts.
Inklusiver Sport
Blasrohrschießen ist ein Sport, den nahezu jeder ausüben kann. „Der Sport ist inklusiv”, meint Pape. So könnten auch Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Armhandicap teilnehmen, ebenso Adipöse oder chronisch Kranke. „Wir haben auch Teilnehmer mit MS und COPD”, erklärt der Trainer. Der Gesundheitsaspekt sei beim Blasrohrsport nicht zu vernachlässigen. Vor dem ersten Training werde bei jedem Teilnehmer zunächst das Lungenvolumen gemessen. Dieses würde sich nach einigen Monaten Training im Blasrohrschießen deutlich verbessern, so seine Erfahrung. Lediglich Asthmatikern rät der Trainer, vor dem Blasrohrschießen zum Arzt zu gehen. Neben der Puste kommt es beim Blasrohrsport auf Haltung, Stand und Konzentration an – der Erfolg würde sich ganz von alleine einstellen, meint der Schütze. Das Schöne an dem Sport seien die schnellen Erfolgserlebnisse, denn Blasrohrschießen sei nicht schwer. „Innerhalb von einer halben Stunde hat man ein Erfolgserlebnis”, so Pape. Das würden auch immer wieder die Schießerfolge bei Turnieren für jedermann sowie an seinen Ständen zeigen, die er beim Schützenfest oder anderen Festen für die Allgemeinheit aufstellt. Hier sei die Begeisterung bei Erwachsenen und Kindern oft groß – doch beim Training käme bedauerlicherweise hinterher doch selten jemand zum Schnuppern vorbei. Pape weiß: „Alle Schützenvereine haben Probleme mit Mitgliederschwund. Das liegt zum einen am Überangebot an Freizeitmöglichkeiten, zum anderen an einer Waffenverdrossenheit. Dabei ist der Blasrohrsport ja eher ein Pusten statt Schießen.” Angefangen wird beim Training bei Michael Pape mit einem Blasrohr mit 1,20 Metern Länge. Abhängig vom Lungenvolumen kann auch mit 1,60 Meter bis 1,70 Meter langen Blasrohren geschossen werden. Die 12,5 Zentimeter langen Pfeile, „Darts” genannt, werden aus einer Entfernung von in der Regel sieben Metern auf die Kunststoff-Zielscheiben gepustet. Gezielt wird intuitiv mit beiden Augen, ein Visier gibt es beim Blasrohr nicht. Zugelassen sind beim Blasrohrschießen Kinder ab sieben Jahren, denn die Teilnehmer sollten ein Verständnis für die Sicherheitsregeln, Schießregeln und Kommandos aufbringen können. Und im Vergleich zu anderen Sportarten ist die Ausrüstung im Blasrohrsport nicht teuer in der Anschaffung.
Andere können aufs Treppchen
Michael Pape hat in seinem Garten die Möglichkeit, mit dem Bogen und Blasrohr zu schießen, was er auch zur Entspannung macht. Zweimal die Woche fährt er zum Schützenhaus zum Bogenschießen, einmal die Woche zum Blasrohrschießen. Nachdem Michael Pape schon viele Erfolge bei Meisterschaften im Blasrohrsport einfahren konnte, ist es ihm nun wichtiger, anderen den Sport beizubringen und den Sport bekannter zu machen. „Ich muss nicht mehr aufs Treppchen steigen. Es reicht, wenn das andere machen”, meint der 67-Jährige. Sein bester Schütze, der vor sechs Monaten mit dem Sport angefangen habe, habe ihn jetzt schon überholt. „Aber der schießt auch eine Stunde pro Tag, das mache ich nicht.” Um den Blasrohrsport noch abwechslungsreicher zu machen, werden bei Turnieren auch Spielereien eingebaut. So gab es im Mai im SK Kirch-Westerweyhe ein Jedermannturnier mit Uhlenköperturnier, bei dem aus zehn Metern Entfernung eine an der Zielscheibe befestigte Erdnuss aus ihrer Schale befreit und dann der Erdnusskern getroffen werden musste. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten eine Stunde Zeit und schossen ununterbrochen mit dem Blasrohr auf die Erdnuss. Eine Teilnehmerin schaffte die Aufgabe tatsächlich kurz vor dem Ablaufen der 60 Minuten.
Wer den Blasrohrsport einmal hautnah erleben möchte, kann am Sonntag, 28. Juni, ab 14 Uhr beim Bogen- und Blasrohrschützenfest beim SK Kirch-Westerweyhe vorbeischauen. Auch beim Blasrohr-Training am Mittwoch von 16 bis 18 Uhr können Interessierte jederzeit vorbeikommen. (JVE)
