Sie sehen bedrohlich und angsteinflößend aus, sind aber friedfertig und nerven nicht am Kaffeetisch wie die Wespen – Hornissen. Darüber, was man bei der Begegnung mit ihnen oder dem Fund eines Hornissennestes auf dem eigenen Grundstück beachten muss, klärt Martin Perten auf. Der 44-Jährige ist seit 2022 einer von drei Hornissenbeauftragten des Landkreises Lüneburg. Im August und September ist Hochsaison für die Hornissen – deshalb und weil die meisten Menschen aus dem Sommerurlaub zurück sind und potenzielle Nester entdeckt haben, gehen bei der Hornissen-Hotline des Landkreises momentan viele Anrufe ein. Hier sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zunächst erörtern, ob die Hornissenbeauftragten überhaupt eingeschaltet werden müssen. „Ein Hornissenvolk besteht aus 350 bis 600 Tieren”, erläutert Martin Perten. „Aber durch das nasse und kalte Wetter vor einiger Zeit sind viele Tiere gestorben.” Auch die Hornissen in seinem Garten hätten die Witterung nicht überlebt. Auf die Hornisse gekommen ist der Melbecker indirekt durch seinen Vater, der früher Bienen hatte. „Ich habe immer mit meinem Vater geimkert”, erzählt der Vater dreier Kinder. Als sein Nachbar vor ein paar Jahren ein Hornissennest auf dem Grundstück hatte und dieses loswerden wollte, machte sich Martin Perten – damals noch nicht als offizieller Hornissenbeauftragter des Landkreises – schlau über die Umsiedlung von Hornissenvölkern. Mit Anleitung aus dem Internet baute er einen Kasten für die Hornissen sowie einen Insektensauger, mit dem er das Volk von seinem Nachbarn umsiedelte. Über seinen Wagemut ist Perten im Nachhinein selbst überrascht: „Das war sehr beängstigend, die Tiere sind doch sehr groß.” Schutzkleidung trug er damals nicht, heute nutzt er einen Imkeranzug und Lederhandschuhe. „Das hätte auch in die Hose gehen können. Ich würde es mit dem Wissen von heute nicht wieder machen.” Dennoch sei der Ablauf, den er im Internet gefunden hatte, auch bei seinem Ehrenamt noch der Gleiche.

Streng geschützte Tiere

Im Anschluss folgte Martin Perten einem Aufruf des Landkreises Lüneburg, der einen neuen Hornissenbeauftragten suchte. Für zwei Beauftragte war die Arbeit zu viel geworden. Als er ausgewählt wurde, besuchte er vor dem Antritt seines Ehrenamtes einen zweitägigen Lehrgang mit abschließendem Test, bei dem er Grundkenntnisse nicht nur über Hornissen, sondern auch Wespen, Bienen und Hummeln erwarb. „Im Anschluss habe ich eine Sondergenehmigung erhalten, dass ich mit Hornissen umgehen darf”, erzählt er. Er dürfe nun „alles außer töten”, denn dafür brauche man eine weitere Sondergenehmigung. Denn Hornissen sind nach Bundesartenschutzverordnung und Bundesnaturschutzgesetz ebenso wie Hummeln und Bienen besonders streng geschützt. Bei Verstößen droht da schon mal ein Bußgeld von 50.000 Euro. Auch Wespen stehen unter Naturschutz, sind jedoch weniger geschützt als Hornissen und dürfen im Ernstfall schneller getötet werden – zum Beispiel, wenn ein Hund auf dem Grundstück lebt. „Ich rate aber dennoch davon ab, denn die Tiere markieren bei einem Angriff ihren Feind und locken so ihre Kollegen an.” Was grundsätzlich nicht sehr bekannt ist: „Hornissen sind sehr träge und nicht angriffslustig”, so Perten. Am Kaffeetisch sind sie nicht anzutreffen, und auch das Gerücht, dass drei Hornissenstiche einen Erwachsenen und sieben ein Pferd töten könnten, bezeichnet der Hornissenbeauftragte als „totalen Unfug”. „Hornissen zählen mit zu den Wespen”, erklärt er, „sie haben dasselbe Gift, nur ihr Stachel ist länger und dicker und deshalb schmerzhafter. Etwa tausend Stiche wären tödlich. Wenn in einem Volk 500 Tiere leben, sind davon vielleicht 200 unterwegs, es würden also nie die 500 angreifen.” Dennoch müsse man – wie beim Wespenstich – auf der Hut sein, wenn die Hornisse im Halsbereich steche, da die Atemwege zuschwellen könnten. Martin Perten kann meist schnell mit den Ängsten der Menschen aufräumen, die schon allein durch die Größe der Insekten zustande kommen. „Hornissen haben kaum natürliche Feinde und sehen uns auch nicht als Feind an. Deshalb ignorieren sie uns und sind entspannt und chillig”, erklärt er. Die stechfaulen Tiere würden jedoch stets ihr Zuhause, sprich, ihr Nest, verteidigen und in Nestnähe eher stechen. Auch am Boden, zum Beispiel an Fallobst, seien sie weniger anzutreffen als Wespen. Diese Erklärungen beruhigen die meisten besorgten Anrufer bereits. „Von den Menschen, die anrufen, ist vielleicht einer von 20 nicht einsichtig. In den meisten Fällen dürfen die Hornissen bleiben, auch wenn die Anrufer am Anfang alle wollen, dass ihr Nest umgesetzt wird”, so Perten.

Umsiedeln oder bleiben?

Die ehrenamtlichen Hornissenbeauftragten des Landkreises Lüneburg – neben Martin Perten sind das noch Frank Thies und Mirko Döpper – sind von April bis Oktober aktiv und betreiben vor allem Aufklärung. Da sie regelmäßig zu den Menschen nach Hause fahren, um Nester – auch von Wespen – zu begutachten, haben sie sich den Landkreis nach der Nähe zu ihrem Wohnort aufgeteilt. Rund 70 Anrufe hat Martin Perten, der hauptberuflich in Vollzeit als Zahntechniker arbeitet, in diesem Jahr schon als Hornissenbeauftragter erhalten, momentan sind es sieben bis acht Anrufe pro Woche. „Nach einem sonnigen und warmen Wochenende gibt es definitiv mehr Anrufe, weil die Tiere dann entdeckt werden”, so der 44-Jährige. Die Frage lautet dann: umsiedeln, bleiben – oder töten? Auch Kompromisse lassen sich manchmal finden, zum Beispiel das Ändern der Einflugschneise der Tiere durch das Vornageln eines Brettes. Ein Hornissennest von einem Wespennest zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach und für den Laien kaum möglich. Während Wespennester eher rundlich sind, sind Hornissennester länglich, schuppenartig und nach unten geöffnet. Beide Insektenarten bevorzugen dunkle, geschützte Stellen, einige Wespenarten nisten auch in der Erde. Vor allem die Tiere rund um das Nest lassen

 

sich unterscheiden. „Die Hornisse ist nicht nur größer als die Wespe, sie brummt auch tief”, so Martin Perten. Die bei uns verbreitete Europäische Hornisse nutzt für den Nestbau gerne Hohlräume und nistet nicht im Freien. „Auch die Asiatische Hornisse ist auf dem Vormarsch und wurde schon im Landkreis Harburg gesichtet”, weiß Perten. „Ihre Nester hängen in acht Metern Höhe, und die Tiere sind eine Gefahr für die Bienen, da sie direkt an die Bienenstöcke gehen. Man hat sehr viel Angst vor ihr.” Die Asiatische Hornisse ist etwas kleiner als die heimische und hat eine schwarze Brust, schwarzgelbe Beine und einen dunklen Hinterleib mit gelben Banden, während die Brust bei der Europäischen Hornisse rötlich ist, die Beine braunrot und der Hinterleib gelb mit schwarzen Punkten und Banden. Der häufigste Grund, ein Hornissennest umzusiedeln, ist das Nisten im Eingangsbereich oder im Rollladenkasten eines Hauses. Ein Nest an Hauswand oder Dach hingegen würde er an Ort und Stelle lassen. Für Martin Perten reicht ein kurzer Blick, um die Entscheidung zu treffen. Die Umsiedlung, die er und seine Kollegen selbst vornehmen und die Privatpersonen nicht durchführen dürfen, muss aber an einen mindestens drei Kilometer entfernten Ort erfolgen, da die Hornissen sonst an den alten Standort zurückkehren würden. Erstaunlicherweise gibt es immer wieder Freiwillige, die ihren Garten für die Umsiedlung anbieten, weil sie gerne Hornissen bei sich haben wollen. Auch Martin Perten selbst sowie seine Schwiegereltern nehmen gerne ein umgesiedeltes Volk in ihrem Garten auf. Die Natur ist für Perten und seine Familie ein hoch geschätzter Lebensraum, Insekten und andere Lebewesen auf ihrem naturbelassenen Grundstück sind ihnen heilig. Wenn jedoch alle zur Verfügung stehenden Gärten mit einem Hornissenvolk besetzt sind, nimmt Perten Kontakt zum NABU (Naturschutzbund Deutschland) auf, der ihm Tipps für geeignete Orte gibt.

Noch nie gestochen

Bei der Umsiedlung ist es gängige Praxis, mit einem Insektensauger zu arbeiten, wie Perten ihn sich damals gebaut hatte. Dabei handelt es sich um eine Art umgebauten Staubsauger mit einer extra Kiste, in die 400 bis 500 Tiere passen. Für den neuen Standort baut Martin Perten den Hornissen einen Kasten. Das Umsiedeln muss mit Ruhe und Bedacht durchgeführt werden. „Ich wurde in meiner Zeit noch nicht einmal gestochen, weder von einer Wespe, noch von einer Hornisse”, erklärt der Experte. Vor einer Umsiedlung braucht Martin Perten eine Vorbereitungszeit von ein paar Tagen. Sollten Tiere in Gefahr sein, weil die aufgesuchte Person sich auffällig äußert, zum Beispiel über das Vergiften der Hornissen redet, ist Eile geboten. „Ich drohe den Leuten ganz ungern, aber ab und zu muss ich das Bußgeld von 50.000 Euro erwähnen. Es kann zur Anzeige kommen, aber das kommt ganz selten vor”, so Martin Perten, der nicht verstehen kann, warum Insektengift immer noch frei verkäuflich ist. Grundsätzlich ist er der Meinung, dass den um Hilfe suchenden Anrufern an einer wirklichen Lösung gelegen ist, aber er kann nicht ausschließen, dass einige Menschen selbst versuchen, die Hornissen loszuwerden. „Aber wenn man eh schon da war, ist das erste Eis gebrochen und die meisten unternehmen nichts mehr”, so seine Erfahrung. Übrigens gibt es bei der Hornisse eine Besonderheit zu beachten: Im Gegensatz zu Wespe, Biene und Hummel ist die Hornisse nachtaktiv und kann sich bei geöffnetem Fenster und eingeschaltetem Licht schon mal ins Haus verirren. „Sie wird dann meist hektisch. Da hilft nur im Haus Licht aus und im Außenbereich Licht an, damit sie wieder rausfliegt. Und wer ein Nest auf dem Grundstück hat, sollte sich Fliegengitter für die Fenster anschaffen“, meint Martin Perten. (JVE)

Die Hornissen-Hotline des Landkreises Lüneburg ist unter Tel. (04131) 261600 zu erreichen.

Keine Angst vor der Hornisse
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