Hundetrainerin Nicole Schanze vermittelt Schulkindern Körpersprache und Kommunikation von Hunden
Hunden sollte man mit Respekt gegenübertreten, meint Nicole Schanze. Weil sie immer wieder erlebt, dass Menschen das Verhalten der Tiere missverstehen, setzt die Hundetrainerin aus Vögelsen jetzt schon bei den Jüngsten an: In einem neuen Schulprojekt vermittelt sie ehrenamtlich Kindern der 4. bis 6. Klasse Wissen über Hundekörpersprache, Stresssignale und einen sicheren, respektvollen Umgang mit Hunden.
Nicole Schanze war schon immer ein Hundefan, doch ihren ersten eigenen Hund hatte sie erst mit Mitte Dreißig. Auch den Entschluss, eine eigene Hundeschule zu eröffnen, fasste sie erst mit Ende Vierzig. Die 54-Jährige hatte zuvor in der sozialpädagogischen Familienhilfe gearbeitet und verfügt über verschiedenste Qualifikationen: Die gelernte Industriekauffrau absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und Gestalttherapeutin und studierte im Anschluss berufsbegleitend Soziale Arbeit. Sie hatte Jobs in der Jugendarbeit, mit Menschen mit Behinderung und schließlich in der Familienhilfe. Mit der Hundeschule erfüllte sich die Vögelserin einen Traum. „Meine erste Hündin hat mich schon bei der Arbeit begleitet. Ich fand es immer interessant, mit Hunden und Menschen zu arbeiten”, erklärt sie. Als Nicole Schanze bei einer Hundeshow ein Werbeflyer über die Möglichkeit, Hundetrainerin zu werden und eine Hundeschule zu übernehmen, in die Hände fiel, war das Ziel zum Greifen nah. Nach dem Besuch einer Infoveranstaltung war klar, wohin die Reise gehen soll.
Im Jahr 2018 machte Nicole Schanze die Ausbildung zur Hundetrainerin. Mit einer Erbschaft konnte sie die mehrere tausend Euro teure Ausbildung finanzieren. „Ich wollte mit dem Geld, das meine Tante mir hinterlassen hat, etwas Vernünftiges machen”, erklärt sie. Nach anderthalb Jahren Ausbildung in Theorie und Praxis an jedem zweiten Wochenende eröffnete sie am 1. Dezember 2019 ihre eigene Hundeschule. Das Trainingsgelände ist in Bardowick, zu ihrer Kundschaft zählen Hundehalter von Amelinghausen bis Stade sowie ein südöstlicher Zipfel Schleswig-Holsteins bis zur Grenze nach Mecklenburg-Vorpommern.
Gemeinschaft in der Hundeschule
Der Beginn ihrer Selbstständigkeit fiel genau in die Zeit der Coronapandemie, doch da die Arbeit an der frischen Luft stattfindet, konnten die Kurse schnell wieder aufgenommen werden. Ihre Erfahrung zeigt: Hundeschule ist nicht gleich Hundeschule. „Wir haben viele Kunden, die bereits in verschiedenen Hundeschulen waren”, erklärt sie. Wichtig sei, an den Ursachen eines Verhaltens zu arbeiten, nicht an den Symptomen. Gewalt im Hundetraining lehnt sie grundsätzlich ab.
Eine gute Hundeschule zu erkennen, sei gar nicht so einfach, meint Nicole Schanze. Die 54-Jährige setzt neben Fachkompetenz auf Transparenz und lässt Interessierte jederzeit zum Schnuppern bei den Kursen vorbeikommen. „Wir sagen den Kunden zusätzlich: Behaltet immer euer Bauchgefühl.” Rund 2.000 Kunden hat die Hundetrainerin in ihrer Kartei, davon im Moment rund 400 Aktive. „Einige kommen nur einmal, aber viele Kunden bleiben, denn es ist eine Gemeinschaft mit einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl”, erklärt sie. So gebe es beispielsweise einmal im Jahr einen von der Hundeschule organisierten einwöchigen „Urlaub mit Hund” auf Fanø, an dem beim letzten Mal 20 Mensch-Hund-Teams teilnahmen. Oft starteten die Menschen das Hundetraining bei ihr mit einem Problemverhalten, blieben dann aber, weil sie nach einer sinnvollen Beschäftigung suchen, so die Hundetrainerin. Neben einer Welpen- und einer Junghundegruppe gebe es zum Beispiel Kurse zum Giftköder Verweigern, Antijagdtraining und Kurse zur Silvesterangst – für Nicole Schanze ein Vollzeitjob, außerdem beschäftigt sie einen Trainer in Vollzeit und vier Minijobber. Ihre Arbeit als Hundetrainerin sei vergleichbar mit ihrer vorherigen Arbeit als Familienhelferin: „Im Prinzip mache ich das Gleiche, was ich vorher mit Menschen gemacht habe, jetzt mit Hunden.” Zusätzlich arbeitet sie noch als Dozentin in der Hundetrainerausbildung, was zu ihrem Glück zunehmend online möglich ist.
Hunde brauchen Erziehung
Während der Coronapandemie hat es einen spürbaren Anstieg an Anschaffungen von Haustieren gegeben, hat auch die Hundetrainerin beobachtet. Sie ergänzt: „Die meisten Leute, die sich einen Hund anschaffen, gehen heute in die Hundeschule.” Zwar gebe es gerade in ländlichen Gegenden Hunde, die so „mitlaufen” würden wie früher. „Aber es gibt auch viele, die von Anfang an alles richtig machen wollen – die gehen dann in die Welpengruppe. Wir beraten auch vor dem Kauf eines Hundes.” Zum Beispiel sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Hunde aus dem Tierschutz oft viele Baustellen mitbringen würden.
Nicole Schanze arbeitet zusätzlich einmal wöchentlich im Ehrenamt im Tierheim Lüneburg, zum Training und für Einschätzungen. Mit Hunden ist das Tierheim voll. Die Vermittlung dieser Tiere gestalte sich zunehmend schwierig, so ihre Beobachtung: „Ich würde sagen, einer von 27 Hunden im Tierheim ist nicht auffällig.” Hier arbeitet sie mit den Mitarbeitenden, um ihnen das Handwerkszeug zu geben, auch mit den anderen Hunden zu trainieren. „Es gibt immer noch viele, die ihren Hund nicht erziehen und nicht mit ihm trainieren, das fliegt einem bei einem einjährigen Hund um die Ohren”, erklärt die Hundetrainerin, „dann werden sie manchmal abgegeben, weil sie zum Beispiel keine Regeln akzeptieren oder gebissen haben. Aber ich glaube auch, dass heute mehr Menschen Hunde haben und das Tierheim deshalb so voll ist. Schwarze Schafe gibt es überall.”
Die Idee, ein Schulprojekt zur Hundesprache ins Leben zu rufen, kam ihr durch ihre Erkenntnisse bei der Arbeit und vor allem Erfahrungen im Alltag. Kinder kämen oft mit zu den Welpengruppen und könnten ab einem gewissen Alter schon gut ins Training eingebunden werden, erklärt sie. Und in ihrem Alltag als Hundehalterin erlebe sie regelmäßig Situationen sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern, die durch Missverständnisse sowie durch Abschreckung entstünden. „Ich wünsche mir, dass alle ein bisschen rücksichtsvoller sind”, so Nicole Schanze. „Manche rennen einfach auf Hunde zu oder fahren mit dem Fahrrad zu nah und schnell an ihnen vorbei.” Sie erlebe auch, dass Eltern ihre Kinder warnen mit den Worten „Wenn du nicht lieb bist, beißt er”, was natürlich nicht stimme. Aber auch Hundehalter verhielten sich nicht immer rücksichtsvoll.
Annäherung
von Mensch und Hund
Nicole Schanze wünscht sich eine Annäherung von Mensch und Tier, was schon bei der Körpersprache des Menschen beginne: „Beuge ich mich von oben über den Hund, ist das für ihn bedrohlich, aber wie sieht ein gestresster Hund überhaupt aus?” Die 54-Jährige entwickelte eine Präsentation für Schülerinnen und Schüler der 4. bis 6. Klasse, in der sie ihnen vermittelt, woran man erkennt, ob ein Hund Stress hat oder sich wohlfühlt, dass man einen Hundehalter stets fragen sollte, bevor man einen Hund anfasst und worauf man als Fahrradfahrer achten sollte. Ihren Hund Anders, eine schwarze Mischung aus Berner Sennenhund und Golden Retriever, bringt sie mit in die Schulstunde. Das löst zunächst Begeisterungsstürme bei den Kindern aus – doch sich direkt auf ihn zu stürzen, wäre nicht der richtige Weg, zeigt sie den Kindern. Anders ist kein ausgebildeter Therapiehund und immer sehr entspannt bei den Besuchen in der Schule. Nicole Schanze kann aber seine Stresssignale demonstrieren, wenn sie sich zum Beispiel über ihn beugt. Die erkenne man daran, dass er die Ohren anlegt, den Kopf einzieht, blinzelt, sich die Schnauze schleckt, sich kratzt oder schüttelt. Klar ist bei ihrem Besuch in der Schule: Niemand muss den Hund anfassen und sie lässt ihn zu keiner Zeit unbeobachtet oder von der Leine, so dass niemand Angst haben muss.
Ihre ersten Besuche in Grundschulen in Adendorf und Winsen liefen bereits erfolgreich. Wichtige Unterrichtseinheiten sind Körpersprache und Stress beim Hund, richtiges Verhalten bei Hundebegegnungen, respektvoller Umgang mit fremden Hunden, Sicherheit im Alltag und Rücksichtnahme von beiden Seiten. Dazu hat sie kindgerechte Comics, Bilder und Alltagssituationen entworfen, die gemeinsam besprochen werden. Am Verhalten von Nicole Schanzes Hund können die Kinder direkt erfahren, ob ihr ruhiges und kontrolliertes Verhalten Früchte trägt. Das funktioniere gut, doch sobald das Pausenklingeln ertönt, würden die Schülerinnen und Schüler alles vergessen, was sie gerade gelernt haben. „Der Spießrutenlauf über den Schulhof mit dem Hund ist schon eine Herausforderung”, meint sie.
Nicole Schanze hat festgestellt: „Eine 4. Klasse und eine Gruppe frisch gebackener Welpeneltern unterscheiden sich wenig.” Aufregung und Unruhe seien die Gleiche, so dass man sich als Vortragende schon interessant machen müsse. „Sie stehen da und gucken einen an, aber sie hören nicht zu. Sie sind voller Glückshormone und himmeln die Hunde an”, erklärt sie schmunzelnd. Schließlich bekomme sie aber doch alle eingefangen – und das lebende Anschauungsobjekt in der Schule sei sehr förderlich für die Vermittlung des Themas.
Die Hundetrainerin hofft, künftig noch mehr Schulklassen für das Thema Körpersprache und Kommunikation bei Hunden begeistern zu können. „Das sind wir Hunden schuldig, dass wir uns mit ihrer Sprache beschäftigen. Hunde machen so viel für uns”, meint sie. Ihre Hundeschule sei deshalb auch eine „Hundeschule für Menschen”, erklärt sie, denn trainiert werde mit den Menschen. (JVE)
Foto: Stefan Hielscher
