Susann Stüve leitet die Theaterwerkstatt Kleine Bühne in Reinstorf

Sie hat schon verschiedene Fächer studiert und in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Nun hat Susann Stüve das Gefühl, angekommen zu sein: Vor fünf Jahren gründete die 40-Jährige die Theaterwerkstatt Kleine Bühne in Reinstorf.

Die Idee zur Theaterwerkstatt erwuchs, wie so vieles zunächst aus der Not geboren, während der Zeit der Corona-Pandemie. „Alles hatte zu und nichts hat stattgefunden – alles war ganz ruhig”, erinnert sich Susann Stüve. „Ich hatte das Gefühl, ich muss mit meinen Ideen irgendwohin.” So hatte die Mutter vierer Kinder auf einer Autofahrt die Idee: „Wollen wir nicht zusammen Theater spielen?” Zunächst als Angebot für ihre Kinder und deren Freunde gedacht, trafen sie sich je nach den erlaubten Möglichkeiten. Die Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren kannten sich alle untereinander, weil sie zusammen die Waldorfschule besuchten. „Als Waldorfschüler war es den Kindern von vornherein nahe, Theater zu machen”, ergänzt Stüve. Ein Konzept hatte sie anfangs nicht, die Treffen fanden bei ihr in der Küche oder im Garten statt. „Wir haben viel Platz – Corona hat uns deshalb nicht stark getroffen.” Als Künstlerin fühlte sich Susann Stüve damals nicht – zum Theater fühlte sie sich aber schon immer hingezogen. Die Thüringerin ging nach der Schule zunächst nach Tübingen und Gifhorn und kam schließlich zum Studium der Umweltwissenschaften nach Lüneburg. Danach arbeitete sie in der Menschenrechtsbeobachtung, war auf den Philippinen und in Hamburg tätig und hatte Nebenjobs in der Gastronomie. Auch ein Prosa-Fernstudium nahm sie auf. Seit 2005 wohnt sie mit ihrem Mann und inzwischen vier Kindern im Alter von sieben bis 15 Jahren im Reinstorfer Ortsteil Holzen, wo ihr Mann aufgewachsen ist. „Die Menschen bestimmen, wo ich bin”, meint die 40-Jährige. „Ich hätte mir Norddeutschland nie ausgesucht, es ist mir hier alles zu flach. Aber ich bin wegen der Leute geblieben.”

Zur Theaterfamilie gewachsen

Susann Stüve, die von allen Sue genannt wird, hätte nach der Schule gerne Theaterwissenschaften studiert. „Ich habe mich nicht getraut. Mein Vater war Polizist – das war zu unkonventionell”, erzählt sie. An ihrer Schule nahm sie an einer Theater-AG teil. Außerdem las sie leidenschaftlich gern dramatische Werke, die in der Schule zum Pflichtprogramm gehörten. „Alle fanden sie blöd, ich fand sie cool.” Doch das Theaterstudium legte sie schließlich ad acta. Ihre Liebe zum Theater blieb aber – ebenso wie eine Leidenschaft fürs Schreiben. Für den Start ihrer Theaterwerkstatt recherchierte Susann Stüve Übungen im Internet, ging intuitiv an die Sache heran. Was im Frühjahr 2021 begann, mündete bereits im Spätsommer in einer kleinen Aufführung für Eltern und Verwandte im Ort. Aufgeführt wurde die Geschichte „Der Brief im Gewitter”, eine Collage aus Übungen. Als Aufführungsort diente eine Scheune, Heuballen als Bühne. „Für die Aufführung wurden die Trecker einfach rausgefahren”, erinnert sich Stüve. Das Feedback auf die erste kleine Aufführung bestätigte die Theaterleiterin in dem, was sie tat: „Nichts ist professionell entstanden, aber es hat mir gezeigt, ich kann es doch. Wir hatten eine richtig schöne Zeit und wurden so etwas wie eine Theaterfamilie.” So beschloss Susann Stüve, sich zur Theaterpädagogin ausbilden zu lassen. Sie recherchierte, was für sie mit Kindern und Nebenjob überhaupt möglich war – und landete bei einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Theaterpädagogin an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid.

Alles wird klein gehalten

Von der Ausbildung zur Systemischen Theaterpädagogin, die aus 13 frei einzuteilenden Kurswochen besteht, hat sie seit 2022 bisher sieben Kurswochen absolviert. Für die jeweils fünf Tage am Stück muss sie sich Freiräume schaffen, ist aber glücklich, diese Möglichkeit gefunden zu haben. „Remscheid ist ein toller Ort für mich geworden”, meint sie. Die Berufsbezeichnung Theaterpädagoge sei zwar nicht gesetzlich geschützt, doch die Bezeichnung „Theaterpädagogin BuT” eine eingetragene Marke des Bundesverbandes Theaterpädagogik. Aus ihrer bisherigen Arbeit für die Theaterwerkstatt weiß sie, dass Zertifikate und Berufsbezeichnungen nützlich sind, zum Beispiel bei Projekt-Förderanträgen. Denn während die Anfänge des Theaterprojekts ausschließlich unentgeltlich und ehrenamtlich verliefen, nimmt das Theater inzwischen Dimensionen an, in denen Investitionen notwendig sind und sie als Leiterin ein kleines Honorar nimmt. „Ich habe mit der Gruppe weitergemacht, das wurde dann weitererzählt und es kamen immer mehr Kinder”, erklärt Stüve. „Ich brauchte ein Format.” 2023 entstand der Name Theaterwerkstatt Kleine Bühne, sie ließ ein Logo entwerfen und zog mit der Theaterwerkstatt in die Projektscheune des St. Vitus Generationenhauses in Reinstorf, das eng mit dem Verein Gut leben Ostheide kooperiert. 2024 stellte die Theaterleiterin das erste Mal einen Projektantrag für eine Förderung. Auch wenn sich in den vergangenen Jahren Requisiten angehäuft haben, will Susann Stüve alles klein halten. „Ich arbeite nicht so gerne mit Requisiten. Auch Kostüme fahre ich runter”, erklärt sie. Wenn sie beschreiben soll, was die Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren in der Theaterwerkstatt spielen, sagt sie: „Realtheater mit surrealistischen Elementen.” Auch unter Zehnjährige hat sie immer wieder dabei – das hängt von der Reife des einzelnen Kindes ab. „Kleine sind oft noch in anderen Welten und interessieren sich für Märchen”, meint sie. Nachdem Susann Stüve in ihrer Theaterwerkstatt bisher nur ein großes Ensemble hatte, spielen hier dieses Jahr zum ersten Mal zwei Gruppen. Neben dem großen Ensemble mit momentan rund 16 Kindern und Jugendlichen – ihrer „Theaterfamily”, wie Stüve sie nennt – proben vier Jugendliche aus der Gründungsgruppe extra, mit eigenen Treffen und eigenem Probenplan. Weiter möchte Susann Stüve ihre theaterpädagogische Tätigkeit nicht ausweiten, denn in Sachen Berufstätigkeit hat die Holzenerin noch mehr Ideen: Sie hat sich vor Kurzem als Rettungssanitäterin ausbilden lassen und würde am liebsten eine Teilzeitstelle in Lüneburg antreten. Zurzeit arbeitet sie zwei Tage die Woche als Küchenhilfe im Hotel in Reinstorf. „Nebenbei gucke ich, ob mein kreatives Innenleben noch wirken kann”, erklärt sie. „Ich kann bei der Arbeit meinen Gedanken nachhängen und habe für plötzliche Ideen immer ein Notizbuch dabei.”

Stück entsteht in Zusammenarbeit

Mit ihrer Theaterwerkstatt Kleine Bühne studiert Susann Stüve keine gängigen oder bekannten Theaterstücke ein. Sie schreibt die Stücke selbst, entwickelt sie aus Übungen. „Die Kinder geben mir die Zitate oder Stimmen vor”, erklärt sie. „Ich bin immer im Prozess mit ihnen, alles entsteht in Zusammenarbeit mit den Kindern.” Den Feinschliff verpasse sie ihren Stücken dann in Ruhe zu Hause. Die Theaterleiterin hat alle Rollen gleichzeitig inne: Pädagogin, Mutti, Autorin und Dramaturgin. Hilfe von anderen möchte sie nur bedingt in Anspruch nehmen, denn der Minimalismus ist ihre Devise – und die Selbstermächtigung bei den Kindern. „Letztes Mal hatten wir eine kleine mobile Bühnenkulisse, die haben die Kinder selbst aufgebaut”, berichtet sie. „Auch die Requisiten haben sie selbst zusammengesammelt.” Insgesamt 80 Sitzplätze für das Publikum gibt es bei den Aufführungen in der Projektscheune, vier Aufführungen hatten sie zuletzt. Nun beginnt in der Theaterwerkstatt die neue Saison, diesmal unter dem Motto „Macht. Jetzt. Das Licht an”. Seit Anfang Februar treffen sich die Kinder und Jugendlichen, im Kern im Alter von zehn bis 18 Jahren, wieder einmal wöchentlich montags. Susann Stüve geht davon aus, dass sich bis zu den Osterferien alles „zurechtruckelt” und dann die Proben beginnen können, die zum neuen Stück hinführen. Die nächste Aufführung soll wieder im Spätsommer stattfinden. Erfahrungen braucht niemand mitzubringen. Förderer der Werkstatt ist in diesem Jahr die Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung, außerdem gibt es Geld von der Gemeinde Reinstorf. Von dem Fördergeld konnte das Theater in der Vergangenheit eine Bühnenbeleuchtung anschaffen, außerdem Handpuppen und eine mobile Bühnenkulisse. Susann Stüve denkt und plant von Jahr zu Jahr. „Theater ist für mich kein Hobby, sondern eine Leidenschaft, die aus dem Herzen kommt”, meint sie und sieht durchaus die wachsende Verantwortung, seit die Theaterwerkstatt stetig größer und professioneller wird. Die Professionalisierung ist so eine Sache für die Theaterleiterin: „Ich habe Lust, mehr Formate zu erkunden, zum Beispiel eine Tournee mit den vier Ältesten, als mobiles Theater. Oder auch Theater im Garten, ich will nicht abhängig von einem Ort sein.” Und sie macht deutlich: „Ich will kein Theater betreiben, das ist mir zu groß.” Die Theaterschaffende hat in den vergangenen fünf Jahren viel gelernt aus ihrer theaterpädagogischen Arbeit in Reinstorf. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Kindern und Jugendlichen arbeiten würde. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich das kann.” Die besonders talentierten Kinder aus ihrer Werkstatt würde sie gerne zu professionelleren Theatern nach Lüneburg schicken – doch sie wollen nicht. „Also muss ich ein bisschen mehr liefern”, meint sie. Abgewandert in andere Theatergruppen sei ihr noch niemand. Vielleicht liegt das an der familiären Atmosphäre bei der Theaterarbeit, die sich in den Schulferien noch intensiviert. „Ich bin absolut keine Lehrerin – vielleicht auch manchmal zu viel Freundin. Ich sehe mich als Begleitung und Gefährtin. Ich wachse mit, kenne selbst noch nicht das Ziel und begebe mich zusammen mit ihnen auf die Reise. Es ist alles so traurig draußen, wir haben hier einen geschützten Raum. So familiär sollte es viel häufiger sein.” (JVE)

Foto Anja Marwege/privat

Aus Liebe zum Theater

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