Sascha Paul berät blinde und sehbehinderte Menschen

Sascha Paul ist Experte, was Sehverlust und Erblindung angeht. Mit Ende 30 voll erblindet, berät er in der Lüneburger Blickpunkt-Auge-Beratungsstelle des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen seit 2018 blinde und sehbehinderte Menschen. Seine Maxime: Auch mit einer Sehbehinderung ist ein selbstständiges Leben gut möglich.

Sascha Paul ist mit einer starken Sehbehinderung zur Welt gekommen – mit einem Sehvermögen von 25 Prozent. Aniridie ist der Name seiner seltenen Augenerkrankung, bei der die Iris teilweise oder ganz fehlt und die mit Begleiterkrankungen einhergeht. Sascha Paul wuchs in Hamburg auf und besuchte hier in der Grundschulzeit eine Schule für Blinde und Sehbehinderte. „Da fühlte ich mich gut integriert”, erzählt der 59-Jährige, der möglichst immer alles selbst machen wollte. Mit seinen Eltern und seinem Bruder zog er nach der Grundschule für sieben Jahre nach New York, wo sein Vater als Journalist tätig war. Hier besuchte er die Internationale Schule – eine Regelschule. „In der Regelschule fühlte ich mich als Außenseiter, auch wenn ich alles mitgemacht habe”, erinnert er sich. Doch er habe durch die Zeit gelernt, danach zu streben, möglichst viel selbst zu schaffen.

Trotz aller Unwägbarkeiten studierte Sascha Paul nach der Schule in Hamburg Psychologie. Zwar war die Universität nicht auf sehbehinderte Studierende eingestellt, doch mit Hilfsmitteln wie einem Bildschirmlesegerät und einer Art Teleskop für die Veranstaltungen kam er gut durchs Studium. Im Bereich Personalentwicklung machte er sich danach selbstständig. Viele Jahre ging das gut, doch im Jahr 2003 erblindete er durch eine Netzhautablösung komplett. Das Risiko hatte bei seiner Augenerkrankung immer bestanden, eine Operation war nicht möglich.

Brailleschrift ist ein Gewinn

„Voll erblindet wollte ich nicht länger in meiner Selbstständigkeit arbeiten”, erzählt Sascha Paul. Er benötigte einige Zeit, sich auf seine neue Lebenssituation einzustellen. Das Risiko, vollständig zu erblinden, hatte er immer beiseitegeschoben – zum Beispiel lernte er erst mit 34 Jahren die Brailleschrift, die internationale Blindenschrift. „Ich habe mich lange geweigert, die Brailleschrift zu lernen”, erklärt der 59-Jährige. „Ich wollte so lange wie möglich in der normalen Welt leben.”

Der Hamburger brachte sich, ehrgeizig wie er ist, die Brailleschrift innerhalb einiger Wochen selbst bei. „Sie ist nicht so schwer, es sind immer sechs Punkte pro Buchstabe. Das zu lernen, war ein ganz großer Gewinn für mich”, so Paul. Sein erstes Buch, das er in Brailleschrift las, war „Das Parfüm” von Patrick Süskind. Eine Herausforderung, die ihre Zeit dauerte.

Die Suche nach einer passenden Arbeitsstelle nach der Erblindung dauerte einige Jahre. Sascha Paul lebte ab 2003 in Hannover, wo er 2001 seine große Liebe gefunden hatte. Nach Lüneburg kam er durch einen großen Zufall: Als er 2007 nach Lüneburg fuhr, um Hilfsmittel bei einem Anbieter für Spezialelektronik für Blinde und Sehbehinderte zu kaufen, wurde ihm prompt ein Job im Außendienst angeboten. Er zog mit seiner Frau nach Lüneburg und war die folgenden zehn Jahre für das Unternehmen in ganz Deutschland unterwegs, um Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte vorzuführen. Der Neu-Lüneburger war viel mit der Bahn unterwegs, was ihn als Blinder sehr anstrengte. Als sein Lüneburger Arbeitgeber seinen Standort nach Hamburg verlegte, ging er nicht mit. Wie es der Zufall so wollte, wurden die Räume seines alten Arbeitgebers auch die Räume seines neuen: 2004 war Sascha Paul in den Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen eingetreten und war seit 2015 erster ehrenamtlicher Vorsitzender für den Raum Nordostniedersachsen. „2018 habe ich das dann komplett übernommen”, so Paul. Seine Stelle wurde nach einigen Jahren in Teilzeit 2024 zu einer bezahlten Vollzeitstelle in der Blickpunkt-Auge-Beratungsstelle in Lüneburg.

Beratung für Betroffene und Angehörge

Die Blickpunkt-Auge-Beratung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes gibt es bundesweit schon seit mehr als zehn Jahren. Die Mitarbeiter beraten teils hauptamtlich, teils ehrenamtlich in mehr als 30 Orten in Niedersachsen Menschen, die von einer Augenerkrankung und Sehverlust betroffen sind, sowie ihre Angehörigen und Bezugspersonen. Dazu gehört zum einen die Information über Augenerkrankungen und ihre Auswirkungen, aber auch das gemeinsame Stellen von Anträgen, zum Beispiel zum Blindengeld, Schwerbehindertenausweis, zu weiteren sozialrechtlichen Angelegenheiten, zu Schulungen in Orientierung und Mobilität sowie zu Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherungen für Hilfsmittel wie den Blindenlangstock, einen Blindenführhund, Vorlesegeräte oder vergrößernde Sehhilfen. Die Beratung umfasst auch die Abklärung des individuellen Hilfebedarfs, die Finanzierung von Hilfsmitteln, die Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen und die Möglichkeiten der Teilhabe in Arbeit und Freizeit. Außerdem erhalten Hilfesuchende Unterstützung bei Widersprüchen gegen Behördenbescheide. Auch auf Gesprächs- und Informationskreise des Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Veranstaltungen vor Ort sowie Freizeit- und Bildungsangebote und sportliche Aktivitäten machen die Beraterinnen und Berater aufmerksam. All diese Angebote stehen jedem offen, sind unabhängig und kostenfrei. Um in Lüneburg als Blickpunkt-Auge-Berater tätig zu sein, musste Sascha Paul eine Ausbildung durchlaufen, die er im E-Learning zu Hause machte. „Zu der Ausbildung gehören unter anderem die Bereiche Gesprächsführung, Sozialrecht, aber auch alles zum Verband und seiner Entwicklung”, erklärt Paul. Sascha Paul, der in Lüneburg als alleiniger Berater tätig ist, erhält in seinem Büro Unterstützung von zwei Verwaltungskräften sowie im Wechsel von zwei Arbeitsplatzassistenzkräften. „Diese lesen mir zum Beispiel Briefe vor, weil wir sehr viel mit Papier zu tun haben”, erklärt er. „Sie unterstützen mich auch bei der Vorstellung von Hilfsgeräten.” Hilfsmittel und -geräte stellen der Blickpunkt-Auge-Berater und seine Assistenzkräfte nicht nur in den eigenen Räumen vor – die Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Zweig des Blinden- und Sehbehindertenverbandes. So war Sascha Paul vor Kurzem in der Begegnungsstätte Parlü am Kreideberg mit dem Vortrag „Leben mit Sehbehinderung” zu Gast. Hier findet am 16. April, 17 Uhr die Veranstaltung „Augenkrankheiten im Überblick” mit Dr. Hauke Schadwinkel vom UKE statt. Zur Öffentlichkeitsarbeit gehört neben der Teilnahme an Vorträgen und Aktionstagen auch, Kinder für das Thema zu sensibilisieren, weshalb Besuche in Grundschulen stattfinden, „auch um zu zeigen, was alles möglich ist”, ergänzt Sascha Paul. „Mit Sehbehinderung kann man genauso gut leben wie als Sehender, und Selbstständigkeit ist durchaus möglich.” Kommunen werden durch die Beratungsstelle auch unterstützt, zum Beispiel bei der Beurteilung von Haltestellen im öffentlichen Nahverkehr.

Anderes Erleben als Sehende

Drei bis vier Anfragen pro Tag erhält Sascha Paul während seiner Sprechzeit. In den meisten Fällen suchen ältere Menschen Hilfe. „Ab 70, 75 geht es häufig um altersbedingte Makuladegeneration. Die trifft mit 90 fast jeden”, erklärt er. Auch Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz mit Sehproblemen kämpfen, suchen bei ihm Hilfe. „Ich bin da sehr proaktiv – erstmal alle Möglichkeiten ausprobieren, nicht gleich aufgeben”, so der 59-Jährige. In Lüneburg bietet der Verband zusätzlich einmal im Monat eine Selbsthilfegruppe an, zu der bis zu 35 Menschen kommen. Während seiner Zeit in Hannover nahm auch Sascha Paul einige Jahre an so einer Selbsthilfegruppe teil. Die Gruppe verhalf ihm zu einem Orientierungs- und Mobilitätstraining und zum nützlichen Austausch mit anderen Betroffenen. In Lüneburg werden auch Experten zu den Gruppentreffen eingeladen. „Zum Beispiel war ein Polizist da, der darüber aufgeklärt hat, wann man aufhören sollte, Auto zu fahren”, so Paul. Sascha Paul und seine Frau, die auch stark sehbehindert ist, vertreten die Meinung, dass Sehbehinderungen einen nicht am Leben hindern sollten. „Es ist sehr viel möglich, aber es gibt auch die Anforderung, sich anzupassen”, meint Paul. „Natürlich muss ich mir überlegen: Wenn ich ins Museum gehe, habe ich ein anderes Erlebnis als jemand, der sehen kann.” So gebe es im Landesmuseum bereits einen Audioguide, und auch das Salzmuseum arbeite daran. „Das Paradebeispiel ist für mich aber die Audiodeskription am Theater Lüneburg”, erzählt er. Es gebe am Theater vier Aufführungen im Jahr, bei denen ehrenamtliche Audiodeskriptorinnen das Bühnengeschehen über Kopfhörer beschreiben. „Das ist ein wunderbarer Vorteil. Wir treffen uns vor der Veranstaltung mit den Audiodeskriptorinnen, und sie erzählen uns vom Bühnenbild und lassen uns mal ein Kostüm oder eine Requisite anfassen. Ich habe schon fast alle Genres durch, nur Ballett fehlt mir noch”, so Sascha Paul. Interessierte gebe es genug – so nähmen an dem Audioangebot jedes Mal rund 25 Personen teil.

Die Welt rückt näher

Seine Wahlheimat Lüneburg kennt Sascha Paul noch von früheren Besuchen sehend. Inzwischen muss er sich die Stadt anders erschließen, zum Beispiel mit dem Langstock. Auf dem Kopfsteinpflaster in der Altstadt verliere man schon mal die Orientierung, erklärt er, und die Fußwege seien ziemlich eng. Das Umsteigen Am Sande vermeide er komplett. Durch das fehlende Sehen sei jedoch sein Gehör nicht mehr geschärft, sondern er gebe den Geräuschen mehr Aufmerksamkeit, meint er. „Die Welt rückt näher an mich heran, ich kann nicht so gut in die Ferne schweifen.” Im Blinden- und Sehbehindertenverband sind viele Stellen auch mit Sehenden besetzt, zumal immer noch viel Arbeit auf dem Papier aufläuft, was für Sehbehinderte mehr Zeit und Aufwand bei der Bearbeitung bedeutet. „Der Verband hätte sicher nichts dagegen, wenn viele Personen betroffen wären. Es ist aber auch schön, dass sich hier nicht alle wie im Ghetto sammeln”, meint Paul. Berufe für Blinde und Sehbehinderte gebe es heute genug, nicht nur im Computer- und IT-Bereich. „Früher waren typische Berufe Masseur oder Telefonist. Heute können sie Gärtner, Lageristen, Lehrer werden – alles ist möglich. Ich finde es ganz toll, dass die Berufe da variantenreich geworden sind.” Bei allen Möglichkeiten, die Sascha Paul als Blinder in Lüneburg hat, stellt er klar: „Man ist natürlich nicht kontinuierlich gut drauf.” Nachdem er jahrelang jegliche Sonderbehandlung und Hilfsmittel abgelehnt hatte, änderte er seine Einstellung 2004 und beschäftigte sich mit seinen Möglichkeiten. Durch das Mitführen des Langstocks fällt der 59-Jährige in der Stadt auf. Dadurch werde ihm häufig Hilfe angeboten. „Es ist im Bus oder Laden sehr angenehm, besonders mit jungen Menschen. Es gibt aber auch mehr Sichtbarkeit von Blinden, es trauen sich mehr Menschen raus.” (JVE)

  • Kontakt: Sascha Paul, Blickpunkt-Auge-Beratung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen, Region Nord-Ost, Tel. (0 41 31) 26 59 15, E-Mail Sascha-Paul@bindenverband.org

Foto BVN/Oliver Hoffmann

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