Die Lüneburgerin Regina Finsterer geht offen mit ihrer Brustkrebserkrankung um

Regina Finsterer ist buchstäblich durch die Hölle gegangen. Seit ihrer Brustkrebs-Diagnose im Frühjahr 2018 ist für die 50-Jährige nichts mehr so, wie es früher war. In ihrem jetzt erscheinenden Buch verarbeitet die Lüneburgerin ihren Kampf gegen den Krebs – und will anderen Mut machen. Rein äußerlich sieht man Regina Finsterer nichts an. Auch an schlechten Tagen verzichtet sie nicht darauf, sich zurecht zu machen. Doch dieses gepflegte Äußere trägt oft dazu bei, dass sie für gesund gehalten wird – weit gefehlt. Seit bei ihr vor vier Jahren Brustkrebs diagnostiziert wurde, hat sie sich nicht mehr von den Folgen erholt. „Früher war ich eine Macherin. Wo ich war, war vorne”, erinnert sich die 50-Jährige. Man spürt noch ihre Kämpfernatur, doch ihr Körper spielt nicht mehr mit. Schon Monate, bevor sie im März 2018 den Knoten in ihrer Brust entdeckte, ging es Regina Finsterer nicht gut. Sie war schlapp und abgeschlagen, spürte, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ihr Hausarzt schob das zunächst auf ihre Arbeitsbelastung als Qualitätsmanagerin in der Medizin und als Ausbilderin. Ein Blutbild blieb ohne Ergebnis. So reiste die damals 46-Jährige mit ihrem Mann und ihrem elfjährigen Sohn nach Ägypten, in der Hoffnung, dort etwas Erholung zu finden und Kraft zu tanken.

Kontrolle übers Leben verloren

Schon am ersten Urlaubstag entdeckte Regina Finsterer beim Einseifen unter der Dusche einen Knoten in ihrer rechten Brust. „Da wusste ich sofort, das ist die Erklärung”, erzählt sie. Ihr Mann wollte die Reise sofort abbrechen, doch Regina Finsterer lehnte ab. „Ich meinte, wir müssen diese Woche ganz intensiv nutzen, weil es vielleicht die letzte Reise für sehr lange Zeit sein kann. Ich wusste genau, was auf uns zukommt”, so die 50-Jährige. „Ich habe mit der Hölle gerechnet, aber das war noch untertrieben.” Ein Brustkrebs sei nicht wie der andere, betont Regina Finsterer. Während einige Erkrankte die Chemotherapie ohne weitere Einschränkungen wegstecken könnten, treffe es andere wesentlich härter. „Ich gehörte zur Kategorie blöder Krebs”, sagt sie. Als die Familie aus Ägypten zurück war, geriet Regina Finsterer sofort in ein Hamsterrad der Termine. Von ihrer Frauenärztin wurde sie mit einer Verdachtsdiagnose nach Hause geschickt, die eine Maschinerie von Untersuchungen zur Diagnosebestätigung in Gang setzte. „Da habe ich ein Stück weit die Kontrolle über mein Leben verloren”, erinnert sie sich. Schließlich bestätigte sich der Verdacht auf Brustkrebs. Vier Wochen nach dem ersten Arztbesuch startete bei Regina Finsterer die Chemotherapie. Der begegnete sie noch voller Tatendrang: „Ich dachte, ich bin körperlich so gut aufgestellt, ich rock das Ding weg!” Doch die Nebenwirkungen erwischten sie eiskalt. „Mir ging es richtig, richtig schlecht. Am Tag nach der Chemo konnte ich ohne Hilfe nicht mehr aufs Klo gehen. Es war wie ein Kollektivversagen des ganzen Körpers.” Ihr Mann richtete seine Arbeit daraufhin so ein, dass er jeweils am Tag der Chemotherapie und am Folgetag zu Hause war. Zur Not sprang eine Freundin ein. Auch das musste Regina Finsterer erst lernen: Hilfe anzunehmen. „Ich musste mir immer wieder sagen, Augen zu und durch, eine andere Möglichkeit hast du nicht. Mein Motto war ganz klar: Ich habe keine Zeit für Krebs, ich will leben.”

 

Wegbegleiter möchten helfen

Regina Finsterer legte von Beginn an großen Wert darauf, offen über ihre Krebserkrankung zu sprechen. „Bei Krebs zucken immer gleich alle zusammen, das ist nicht mehr zeitgemäß”, meint sie, „es muss ein öffentliches Thema werden können. Ich bin ganz offen damit umgegangen, jeder konnte alles fragen.” Ihr offener Umgang damit kam jedoch nicht überall gut an. „Es gab auch Bekannte, die sagten, oh, du hast Krebs, dann stirbst du ja bald – und dann aus meinem Leben verschwanden”, erinnert sich die Lüneburgerin. „Andere sagten, ich bin darin nicht geschult, aber wenn irgendetwas ist, helfe ich dir gerne.” Ihre Freunde hielt sie während der Therapie über ihren Whatsapp-Status auf dem Laufenden. „Ich habe sie darum gebeten, mich bei Fragen anzusprechen und nicht hinter meinem Rücken zu reden.” Diese Offenheit tat ihr und ihren Mitmenschen gut. „Die Wegbegleiter möchten helfen. Und jeder, der Krebs hat, hat Todesangst – machen wir uns nichts vor.” Als wäre die Chemotherapie nicht schon belastend genug für Körper und Seele, wurde bei Regina Finsterer zusätzlich festgestellt, dass sie das BRCA1-Gen in sich trägt, das ein stark erhöhtes Risiko birgt, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. So entschied sie sich dafür, sich beide Brüste und die Eierstöcke entfernen zu lassen. Über die Art des Brustaufbaus recherchierte Regina Finsterer selbst. „Ich habe mich selbst auf die Suche begeben und meine Operationsmethode gefunden. Man muss sich selber schlau machen”, so ihr Ratschlag. Schließlich entschied sich die Lüneburgerin, einen Simultan-aufbau mit Eigenfett aus dem Unterbauch, die Doppel-DIEP-Lappenplastik, in einer Hamburger Klinik vornehmen zu lassen. Die Operation gilt zwar als Routine, doch der elfstündige Eingriff verlangte der Lüneburgerin alles an noch vorhandener Kraft ab. Ihr von der monatelangen Chemotherapie ohnehin geschwächter Körper drohte dabei zu versagen. Einige Tage später folgte ein weiterer, sechsstündiger Eingriff, der ihren Körper erneut bis an die Grenzen brachte. Von dem Erlebten und den körperlichen Folgen der Behandlungen hat sich die 50-Jährige bis heute nicht erholt. Auch über die Rekonstruktion der Brustwarzen machte sich Regina Finsterer ausführlich Gedanken. Das Fehlen ihrer Brustwarzen war für sie eine ständige optische Erinnerung daran, was passiert war. Das Einsetzen von Haut hätte eine weitere Operation bedeutet. Regina Finsterer stieß bei ihrer Recherche auf Andy Engel, der fotorealistische, dreidimensional wirkende Tattoos von Brustwarzen macht. So fuhr sie mit ihrer erwachsenen Tochter in sein Studio nach Bayern und ließ sich die 3D-Tattoos stechen. Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden, weshalb sie diese Möglichkeit der Brustwarzen-Rekonstruktion bekannter machen möchte.

Hinterfragen bis zum Verstehen

Eine psychologische Betreuung wäre für Erkrankte von Anfang an sinnvoll, ist sich Regina Finsterer sicher. Doch für einen Platz bei einem Psychoonkologen gibt es lange Wartezeiten. Ihre Frauenärztin legte ihr die Sieb & Meyer Stiftung in Lüneburg nahe. „Die Beratung war sehr gut. Es ist wichtig, sich selbst zu mobilisieren, mit Freunden und Familie geht das nur zu einem gewissen Grad”, meint sie. Das Lesen in Internetforen von Krebskranken oder Büchern zum Thema Krebs halfen ihr bei der psychischen Bewältigung hingegen kaum. Während ihrer Therapiezeit und der anschließenden Reha stellte Regina Finsterer durch Gespräche fest, dass viele Erkrankte sich schlecht beraten fühlten und oft nicht verstanden, was bei ihnen gemacht wird. „Ärzte erklären oft nicht auf Augenhöhe. Die meisten lassen einfach alles über sich ergehen. Aber man sollte sich trauen zu hinterfragen, bis man alles verstanden hat”, so ihre Botschaft. Zudem seien viele bei Gesprächen mit dem Arzt aufgeregt. Der 50-Jährigen ist es ein Anliegen, dass auch die Mediziner verstehen, wie sich die Angst anfühlt, an Krebs versterben zu können und was alles auf einen einprasselt. Auch Regina Finsterer machte negative Erfahrungen mit Medizinern, Psychologen und Behördenmitarbeitern. Doch sie gab nicht auf, hakte nach, recherchierte und ließ sich nicht unterkriegen. „Ich habe mein Entsetzen und die Fassungslosigkeit in Kraft umgesetzt”, erzählt sie. Und so entschied sich die Lüneburgerin vor einem Jahr, ihre Erfahrungen und Ratschläge in einem Buch niederzuschreiben, ihrem persönlichen „Mutmacher- und Erklärbuch”, wie sie es selbst beschreibt. „Meine Erfahrungen stehen da unverblümt drin. Medizinische Dinge erkläre ich mit Worten, die jeder versteht.” Ihr Ratschlag: „Kämpft, hinterfragt – egal, wie schlecht es euch geht! Es kommt keiner, der euch aus dem Loch zieht, das könnt ihr nur selbst machen!” 50 Buchexemplare ließen sie und ihr Mann dieses Jahr zu ihrem 50. Geburtstag privat drucken und verteilten es an Wegbegleiter aus der Zeit. Christian von Stern von der Lüneburger von Sternschen Druckerei sagte ihr nach der Lektüre zu, das Buch zu drucken. Am 1. Oktober erscheint Regina Finsterers Buch „Und plötzlich war alles anders. Mein Weg zurück ins Leben”, das überall erhältlich ist.

Jeder Tag ein Kampf

Doch wie sehr ist Regina Finsterer zurück im Leben? Sie weiß, dass sie erst fünf Jahre nach der Therapie als geheilt gilt, wenn bis dahin der Krebs nicht zurückkommt. Im Hinterkopf hat sie auch die Prognose eines Arztes, dass sie mit ihrer persönlichen Diagnose und Tumorart nur noch sieben Jahre zu leben hätte – vier Jahre davon sind nun um. In ihrer Familie verstarben die meisten ihrer weiblichen Vorfahren innerhalb von ein paar Jahren an Krebs – auch ihre Mutter mit 60 Jahren. Das Risiko, dass der Krebs eines Tages bei ihr wiederkommt, ist sehr hoch. So versucht sie, jeden Tag zu genießen. Alle zwölf Wochen geht Regina Finsterer zur Krebsnachsorge bei ihrer Frauenärztin. Außerdem kämpft sie um eine Dauerberentung, denn an Arbeiten ist nicht zu denken. „Ich kämpfe 24/7, um Tag und Nacht zu überstehen. Ich kann meinen Alltag nur schwer wuppen. Abgesehen von den riesengroßen Narben am Bauch und an den Brüsten habe ich bleibende Schäden.” So sei ihre rechte Körperhälfte fast taub, es plagen sie Pieksen, Kribbeln, Schmerzen und Kraftlosigkeit im ganzen Körper, auch Konzentrations- und Gedächtnisprobleme hat sie, dies sind nur einige Punkte. „Es ist massiv viel zurückgeblieben von den OPs, Narkosen und Therapien. Das kann man von außen nicht sehen, deshalb versteht auch kaum ein Entscheider bei der Rentenversicherung, dass ich nicht arbeiten kann.” Sie freue sich über jeden, der nach seiner Krebserkrankung wieder arbeiten könne. Aber nur weil sie sich zurecht mache, heiße das nicht, dass es ihr gut gehe. (JVE)

 

 

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