Moritz Dittmann arbeitet als Archivar am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg   

Moritz Dittmann kann sich freuen: Seine Stelle als Archivar am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg ist dauerhaft gesichert. Seit 2022 archiviert der 40-Jährige im Museum Dokumente, Fotos, Karten und andere Zeitzeugnisse aus Ostpreußen, nun wurde die Stelle verstetigt. Angesichts der Fülle an Archivalien wird er noch viele Jahre zu tun haben.

Zentraler Kernauftrag des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg ist, die Erinnerung an die frühere Provinz Ostpreußen wachzuhalten. Das Ostpreußische Landesmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung sammelt, bewahrt und vermittelt ostpreußisches Kulturgut aus allen Epochen. Entsprechend verfügt es auch über einen großen Bestand an Archivmaterial: Briefe, Fluchtberichte, Künstlernachlässe, Dokumente, Urkunden, Karten, Postkarten, Fotografien und vieles mehr, welches insbesondere aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammt. Seit April 2022 ist Moritz Dittmann als Archivar am Museum angestellt. Er sichtet und sortiert den Bestand, verpackt ihn konservatorisch korrekt und verzeichnet ihn in eine Datenbank. Mit dem neuen Erweiterungsbau für eine Dauerausstellung zu Immanuel Kant entsteht parallel auch ein professionelles Lager für das Archivgut. Mit der Sitzung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags wurde die Stelle des Archivars, die bisher auf fünf Jahre befristet war, jetzt verstetigt. Damit ist in Deutschland eine dauerhafte professionelle Archivarbeit für Ostpreußen sichergestellt, und ein großer Bestand an Archivmaterial kann für die Wissenschaft und für die interessierte Öffentlichkeit aufgearbeitet und zugänglich gemacht werden.

Ein Archiv ist nie fertig

Moritz Dittmann stammt ursprünglich aus Braunschweig. An der Universität in Göttingen studierte er Mittlere und Neue Geschichte sowie Europäische Ethnologie. Mit der Tätigkeit als Archivar kam er nach seinem Studium durch ein Praktikum bei einer KZ-Gedenkstätte bei Göttingen in Berührung. „Da haben wir ein Archiv aufgebaut – und ich dachte, das könnte was für mich sein”, erzählt Dittmann. Für ein weiteres Praktikum, das in eine Anstellung mündete, ging er 2013 zu einem Schmuckhersteller ins österreichische Innsbruck, wo er einen Teilbereich des Archivs aufbaute. „Auch Unternehmen haben Archive und suchen Archivare zur Betreuung. Sie wollen die Geschichte des Unternehmens aufbewahren und bereiten sie zum Beispiel vor einem Jubiläum auf”, erklärt der 40-Jährige. Ende 2017 wechselte Dittmann zu einem Maschinenbauunternehmen im Schwarzwald. „Mein erster Job sollte nicht mein letzter sein”, so der Archivar, der in beiden Unternehmen Teilbereiche des Archivs aufgebaut hat. Nach ein paar Jahren zog es Moritz Dittmann zurück nach Norddeutschland. Die Archivarstelle am Ostpreußischen Landesmuseum kam für ihn wie gerufen und passte zu seinem bisherigen Werdegang. Doch seine Aufgabe in Lüneburg ist wesentlich umfangreicher als bei seinen vorherigen Arbeitgebern. „Am Anfang herrscht Chaos”, meint er. „Im Museum wurden über Jahrzehnte Archivalien gesammelt, also Dokumente, Fotomaterialien, Karten und anderes. Sie wurden schon teilweise in einer Datenbank erfasst, aber man hatte dafür keine personellen Ressourcen.” Nun sortiert und kategorisiert er die Archivalien seit 2022 mit einer speziellen Software. „Man baut sich eine eigene Struktur auf. Zunächst trägt man alle Infos ein, zum Beispiel was zu sehen ist und wann es entstanden ist. Man vergibt eine Signatur, dann wird es in der Archivstruktur abgelegt”, erklärt Moritz Dittmann. Dann müsse die Archivalie von Metallklammern befreit werden, um Schäden zu verhindern, in einer Archivmappe und dann je nach Größe in einem Archivkarton verstaut werden.

Im Vergleich zu seinen Archivarstellen bei Unternehmen hat die Stelle am Museum wieder mehr mit seinem Studium zu tun. „Die Arbeit für Unternehmen war sehr spezifisch und eng gefasst, weil es nur um die Unternehmensgeschichte und private Archive ging. Jetzt geht es um einen ganz großen Kulturraum mit einer breiteren Nutzung für die Forschung zu Ostpreußen. Das ist für mich interessanter”, so Dittmann. Die Projektstelle am Ostpreußischen Landesmuseum war zunächst für fünf Jahre festgelegt. „Es war von Anfang an klar, dass ich in dem Zeitraum nicht mit dem Archivieren fertig werden würde. Die Summe der Archivalien liegt im fünfstelligen Bereich.” Doch damit nicht genug: Ein Archiv sei nie endgültig fertig, da immer neue Materialien hinzukämen.

Jeder kann Archiv nutzen

Nutzen kann das Archiv des Ostpreußischen Landesmuseums grundsätzlich jeder. Es gelte lediglich, Schutzfristen beziehungsweise Nutzungsbeschränkungen zu beachten und die Einsicht anzumelden, so der Archivar. Grundsätzlich könne jeder, ob mit Forschungsinteresse oder privatem Anliegen, Archivalien zur Verfügung gestellt bekommen – auch in digitalisierter Form. „Man ist auch Dienstleister, das Archiv soll genutzt werden”, betont Dittmann. Schließlich sei nur ein kleiner Teil an Archivalien in der Dauerausstellung oder den Sonderausstellungen des Ostpreußischen Landesmuseums ausgestellt. Sollte eine Archivalie mal für eine geplante Sonderausstellung im Haus in Frage kommen, erhält Dittmann eine Anfrage vom jeweiligen Kurator der Ausstellung und sucht das gewünschte Material dafür heraus. Zu der historischen Provinz Ostpreußen brachte Moritz Dittmann keine speziellen Kenntnisse mit. Umso interessanter ist es für ihn, sich in das Thema einzuarbeiten. „Ostpreußen hat eine große Bedeutung für Deutschland”, erklärt er. „Es ist ein vielseitiges Thema, das die Menschen immer noch begeistert.” Das Ostpreußische Landesmuseum pflegt Kontakte zu Institutionen und Kultureinrichtungen im Gebiet des ehemaligen Ostpreußens. „Wir bekommen für Ausstellungen und Jubiläen auch Anfragen aus Polen und Litauen. Der Austausch ist uns ein wichtiges Anliegen.” Auch Moritz Dittmann war schon beruflich in der polnischen Kleinstadt Goldap. „Die Stadt hat eine Ausstellung über die in Goldap geborene deutsche Künstlerin Anneliese Konrat-Stalschus gemacht, von der wir Gemälde im Museum haben. Die haben wir selbst da hingebracht und aufgebaut”, erklärt er. „Es ist schön, wenn eine polnische Stadt Interesse an deutschen Künstlern hat.” Das Interesse am Ostpreußischen Landesmuseum sei bei der Bevölkerung aus Lüneburg und Umgebung ebenfalls hoch, so der Archivar: „Das Museum ist gut besucht. Viele Menschen haben eine Verbindung zu Ostpreußen, für viele gibt es emotionale Verbindungen. Einen besonderen Schub gegeben hat das Thema Immanuel Kant, dadurch ist das Interesse stark gestiegen.”

Mitarbeit durch Ehrenamtliche

Archivar Moritz Dittmann erhält regelmäßig Nachrichten von Privatpersonen, die ihren Privatnachlass oder Teile davon an das Museum abgeben wollen. „Manchmal kommen auch Anfragen von wissenschaftlichen Institutionen, die den Nachlass von einem Künstler mit Bezug zu Ostpreußen haben.” So habe das Archiv in Lüneburg zum Beispiel den Nachlass des Musikers Hugo Hartung erhalten, der für die Musikgeschichte Ostpreußens von Bedeutung ist. Zulauf an Archivalien gebe es stetig, pro Woche kämen zwei bis drei Anfragen, schätzt Dittmann.

Eine Archivalie ins Archiv aufzunehmen, kann ganz schnell gehen, aber sich auch hinziehen. „Es kann von zehn Minuten bis eine Stunde dauern. Wenn ein Dokument zum Beispiel in Sütterlin geschrieben oder schwer zu entziffern ist, kann es dauern”, so der Lüneburger. Bei der Erschließung der Archivalien sei deshalb die Mitarbeit von Ehrenamtlichen von unschätzbarem Wert. Vier Ehrenamtliche im Ruhestand helfen dem Archivar, wenn es zeitaufwendig wird. Sie entziffern schwer lesbare Dokumente oder hören sich auch mal längere Tondokumente an, um deren Inhalte zusammenzufassen. Einige Ehrenamtliche hätten auch Spezialwissen zu besonderen Themen, wie zu den Trakehner Pferden, das für die Arbeit nützlich sei. „Die Ehrenamtlichen, in der Regel Rentner ab 60 Jahren, haben manchmal eine Verbindung zu Ostpreußen und interessieren sich für die Museumsarbeit. Oder sie haben Informationen und bieten Hilfe an. Das kann ich gut nutzen”, erklärt der Archivar. Damit das Ostpreußische Landesmuseum etwas in sein Archiv aufnimmt, müssen ein paar Kriterien erfüllt werden. „Es muss einen Bezug zu Ostpreußen geben, und es darf nicht schon zu viel davon im Archiv vorhanden sein. Zum Beispiel haben wir schon mehr als 50 Personalausweise aus Ostpreußen”, so Dittmann. Auch nur ein Foto ohne Kontext reiche nicht. „Wir wollen Geschichten dazu erzählen, wir brauchen zum Beispiel die Lebensgeschichte der Person. Es ist immer wichtig, möglichst viele Infos dazu zu geben.” Werde eine angebotene Archivalie abgelehnt, könne es eine große Enttäuschung für die Person sein. „Das ist manchmal schwierig, denn die Person hat einen emotionalen Bezug dazu.”

Neues Lager im Kantbau

Ein Hauptauftrag des Archivs ist die Förderung von Forschung über Ostpreußen, die derzeit an Universitäten nur schwach ausgeprägt ist. Noch erhält Moritz Dittmann nur vereinzelt Anfragen von Studierenden, aber Schüler- und Studienpraktikanten hat er regelmäßig. „Das Interesse ist noch da, auch bei jungen Leuten”, so seine Beobachtung. Personen, die Ahnen- oder Familienforschung betreiben, kann er keine großen Hoffnungen machen: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir zu einer bestimmten Familie etwas haben.” Dass seine Archivarstelle nun entfristet wurde, erleichtert Moritz Dittmann ebenso wie die Museumsleitung. „Die Leitung hat immer an der Verstetigung der Stelle gearbeitet. Ich war auch immer daran interessiert und sehe einen Sinn darin. Das Archiv fünf Jahre aufzubauen und es dann nicht zu betreuen, wäre nicht sinnvoll”, so Dittmann, der ab Januar über den fertiggestellten neuen Archivraum verfügen wird. Hier finden sich Archivalien in Rollregalen auf rund 150 bis 200 Regalmetern sowie Großformate in sechs Planschränken. (JVE)

Fotos: Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg

Eine Aufgabe für Jahre

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