Claudia Schmidt aus Barum
malt mit knalligen Farben absurde Themen
Kunst ist die Passion von Claudia Schmidt, seit sie denken kann. Ein medizinischer Notfall Anfang 2026 führte zu einer totalen Veränderung ihres Stils. „Candy Decay” ist ihr eigener Name für ein seltsames kleines Universum, das das Übersehene und Unperfekte feiert.
Ihre Kunst trägt Claudia Schmidt vom kleinen Ort Barum im Landkreis Lüneburg über die sozialen Medien in die ganze Welt. Als „Paintranger” ist sie bei Instagram aktiv, zeigt nicht nur ihre Bilder, sondern berichtet auch über ihr Leben und die Herausforderungen, die es für sie mit sich bringt. Die 35-Jährige lebt mit Autismus und ADHS und zählt zu ihren Followern zahlreiche neurodivergente und queere Menschen, die sich mit ihren Themen identifizieren können.
Ursprünglich stammt Claudia Schmidt aus einem Dorf in der Nähe von Wittstock in Brandenburg. Während ihrer Ausbildung zur Personaldienstleistungskauffrau lebte sie drei Jahre in Berlin, ging später zum Wirtschaftsstudium nach Hamburg. „Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass Wirtschaft nichts für mich ist“, erzählt die 35-Jährige. Als sie im kurzen Abstand hintereinander zwei Kinder bekam, realisierte sie, dass sie nicht mehr in der Lage ist, den Dauerstress zu kompensieren. War sie zuvor immer davon ausgegangen, dass ihre Eigenheiten „Persönlichkeitsfehlerchen” waren, wie sie es nennt, vermutete sie mit 30 Jahren schließlich, dass mehr dahintersteckt – und erhielt nach einer ausführlichen Diagnostik die Diagnosen Autismus-Spektrum-Störung und ADHS. Das erklärt auch, warum ihr Kopf nie zur Ruhe kommt. Ihrer Kunst kommt das zugute.
Fähigkeiten selbst beigebracht
In Barum lebt Claudia Schmidt mit ihrer Familie seit sechs Jahren. Ihren Mann hatte sie in Hamburg kennen gelernt. Sie wollten aufs Land ziehen, zogen erst nach Lüneburg, dann ins ländliche Barum. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder (jetzt fünf und sechs) entschied sie sich gegen die Wirtschaft und für die Kunst. „Mein Mann verdient gut und sagte: Mach deine Kunst, eine ausgebrannte Mutter bringt nichts”, erzählt sie.
Gemalt hat sie „schon immer”, wie sie meint, und durchlief mit der Zeit ganz verschiedene Stile, malte mit Öl- oder Acrylfarben. Während ihres Studiums absolvierte sie ein Auslandssemester auf Bali, das sie sich durch Porträtmalerei finanzierte. Ihre Kunden schickten ihr dafür Fotos von sich oder ihren Kindern, die sie auf die Leinwand brachte. „Das hat mich gut geschult”, meint Claudia Schmidt rückblickend. „Ich kann jetzt alles zeichnen.” Alle ihre künstlerischen Fähigkeiten hat sie sich selbst beigebracht, im Internet nachrecherchiert und sich selbst angeeignet. In Gruppen oder Kursen malte sie nie, traute sich ein Kunststudium damals nicht zu, was heute anders wäre. Die Ressourcen im Internet seien im Kunstbereich groß, Künstler wie Paul Heaston zeigten genau, wie ihre Kunst entstehe, erzählt sie.
Zu Hause hat Claudia Schmidt ein Atelier, und auch ihr Mann malt inzwischen nebenher. Beide spielen Gitarre, außerdem treibt die 35-Jährige viel Sport. Bis ihr Anfang dieses Jahres ein medizinischer Notfall einen Strich durch die Rechnung machte: Beim Ju-Jutsu hatte die junge Frau einen Sportunfall, fiel unglücklich bei einer Rolle über ihren Gegner. Bald darauf begann sie, sich komisch zu fühlen, hatte Migräne, war lichtempfindlich und verspürte eine Schwäche der linken Körperhälfte. Als sie schließlich feststellte, dass ein Augenlid hing und eine Pupille kleiner war als die andere, fuhr Claudia Schmidt in die Notaufnahme. Ein CT brachte Klarheit: Sie hatte eine Karotisdissektion – einen Riss in der Halsschlagader. „Das kann auch tödlich enden, viele bekommen einen Schlaganfall. Ich hatte Riesenglück”, weiß sie heute.
Notfall ändert alles
Eine Woche musste sie im Krankenhaus bleiben. „Doch das Risiko für einen Schlaganfall ist noch Wochen und Monate da. Ich sollte sofort wiederkommen, wenn etwas ist. Das hat mich total verunsichert, in Richtung Panikattacken”, erzählt sie. Eben noch Leistungssportlerin, verbrachte Claudia Schmidt nach dem Krankenhaus die meiste Zeit körperlich geschwächt im Bett, hatte mit Kindern und Haushalt Hilfe von ihrer Mutter. Sie begann mit kleinen Spaziergängen und leichten körperlichen Übungen, ging mit langsamem Gehtempo aufs Laufband. Nach drei Monaten zeigte der Ultraschall, dass alles wieder in Ordnung ist – ein Glücksfall. „Viele müssen dauerhaft damit leben. Meine Halsschlagader war zu 90 Prozent blockiert, das bleibt manchmal so”, sagt sie.
Zwar war Claudia Schmidt nach diesem Notfall körperlich wiederhergestellt, doch die Ungewissheit hatte in Form einer Angststörung ihre Spuren hinterlassen, wegen der sie nun in Therapie ist. Mit dem Leistungssport hörte sie auf, wechselte zum Badminton und Krafttraining. Ihre Kunst nahm sie nach zwei Monaten wieder auf – doch es hatte sich etwas verändert. „Mir ist die eigene Vergänglichkeit deutlich geworden – und so fließen jetzt morbide Themen in meine Kunst ein”, so die Künstlerin. „Vorher habe ich überlegt, was könnte schön aussehen und habe zum Beispiel Tiere schön gemalt. Danach hatte ich so eine Traurigkeit in mir. Jetzt male ich zum Beispiel Füchse umgeben von Knochen.” Die Transformation ihres Kunststils war ihr zunächst nicht klar. „Meine Therapeutin, die auch Kunsttherapeutin ist, hat gesagt, man malt, wie man sich fühlt. Das habe ich zunächst abgetan – aber sie hat recht.” Inzwischen findet die Künstlerin es gut, ihr Innerstes nach außen zu tragen und nimmt ihre Gefühlswelt als Stilmittel. In ihren Bildern gibt es viele Feinheiten zu entdecken, die ihr Seelenleben ehrlich spiegeln. „Das spricht viele neurodivergente Menschen an”, weiß die Künstlerin.
Ihren neuen Kunststil nennt Claudia Schmidt „Candy Decay”, was so viel wie „Süßigkeiten-Verfall” bedeutet. Markenzeichen ihrer in der Regel 15 mal 15 Zentimeter großen Kunstwerke sind extrem leuchtende Farben, Neonpink und etwas fast übertrieben Süßes und Verspieltes, das auf Vergänglichkeit, Knochen, Tiere, Essen und absurde Alltagssituationen trifft. Eine Taube, die Pizza isst, ein Waschbär, der Schätze bewacht, eine Erdbeere, die zu etwas leicht Beunruhigendem wird. Der Widerspruch soll gerade das Besondere sein: Etwas kann wunderschön sein, obwohl, oder gerade weil, es nicht für immer bleibt. „Es sieht erst fröhlich aus, aber man fühlt sich komisch – das ist für mich spannende Kunst“, sagt sie. Ihre Bilder entstehen hauptsächlich mit Alkohol- und Acrylmarkern auf Holz.
Account mit Kunst und Neurodivergenz
Ihre Arbeiten teilt Claudia Schmidt mit ihrer Community auf Instagram. Ihrem englischsprachigen Account „Paintranger” folgen schon mehr als 16.000 Menschen, der neue deutschsprachige Account hat bereits 650 Follower. Mit ihrer Kunst kann und will Claudia Schmidt noch nicht das große Geld machen. Ist nach vielen Stunden Arbeit eines ihrer Kunstwerke fertig, kann sie sich nicht vorstellen, es zu verkaufen. Zwar kann man in ihrem Shop Drucke kaufen, doch mit dem Herausgeben von Originalen tut sie sich schwer. „Ich hänge an den Bildern, den Wert der Arbeit kann ich gar nicht in Geld nehmen”, erklärt die Künstlerin. „Ich sehe mich da nicht, 3.000 Euro für meine Bilder zu nehmen.” Zu Hause hängen ihre quadratischen Kunstwerke alle an einer Wand ihres Ateliers. Lediglich für kleine Ausstellungen werden sie abgenommen – wie am 21. November, wenn Claudia Schmidt und sieben andere Künstlerinnen und Künstler im Friseursalon Bei Hanna in Lüneburg ausstellen werden. Ein- bis zweimal im Jahr ihre Bilder auszustellen, ist ihr erklärtes Ziel, aber „an die weißen Wände gehöre ich nicht”, meint sie.
Ihren Instagram-Account nutzt Claudia Schmidt auch, um neben ihrer Kunst über neurodivergente Themen zu sprechen – ob über ADHS-Medikamente oder ihr hohes Schlafbedürfnis. „Ich habe mir schon immer gewünscht, mit den Themen rauszugehen”, sagt sie. Seit Kurzem erst zeigt sie sich auch selbst auf ihrem Kanal. Ihre meisten Follower leben in den USA. Auch einen Postkartenclub hat die Barumer Künstlerin gegründet, für den sie bereits 30 Abonnenten gewinnen konnte. An diese verschickt sie jeden Monat eine schön gestaltete Postkarte. Die Ideen gehen ihr nicht aus, und so verwundert es nicht, dass ihr Werdegang in der Wirtschaft für sie inzwischen unsagbar weit weg ist. „Ich war die Klassenbeste in meiner Ausbildungsklasse, aber ich musste früher immer eine Rolle spielen. Meine Kunst ist ein Traum, der wahr wird.”
Auch ihre Kinder haben bereits ein Faible für Kunst. „Meine Kinder kommen oft in mein Atelier, sie finden meine Bilder super und malen auch schon gerne. Mein Sohn will auch Künstler werden.” (JVE)
Fotos: privat
