Axel Rauscher war viermal Passagier auf Containerschiffen
Axel Rauscher konnte sich schon immer für die Schifffahrt begeistern. Als der Uelzener in den Ruhestand ging, erfüllte er sich den Traum, als Passagier auf Frachtschiffen über die Weltmeere zu fahren.
Axel Rauscher ist an der See aufgewachsen. Geboren in Hinterpommern, kam der heute 81-Jährige als Flüchtlingskind nach Wilhelmshaven, wo er seine Kindheit und Jugend bis zum Abitur im Jahr 1964 verbrachte. Die Nordsee hatte er vor der Tür, worin wohl auch seine Affinität zur Seefahrt begründet liegt. Im Alter von 16 Jahren hatte er die Möglichkeit, über den Hamburger Reederverband ein Praktikum auf einem Schiff auf der Ostsee zu absolvieren. Das gefiel dem Schüler gut – doch er entschied sich nicht für die Seefahrt als Beruf, sondern wählte den Schuldienst.
Einige Jahre lebte Rauscher in Berlin, bevor er mit seiner Frau im Jahr 1980 wieder näher zu seiner Mutter und seinen Schwiegereltern zog – in die Stadt Uelzen. „In den siebziger Jahren wurde der Elbe-Seitenkanal eröffnet. Ich war begeisterter Ruderer und brauchte ein Gewässer und einen Ruderverein”, erzählt er. Seine Mutter lebte zu der Zeit in Hildesheim, seine Schwiegereltern in Hamburg. In Uelzen unterrichtete Rauscher am Lessing Gymnasium Englisch und Geographie und leitete die Ruderriege. Seine Frau war Lehrerin an einer Grundschule.
Schifffahrten unternahm Axel Rauscher während seiner Berufstätigkeit mit seiner Frau nicht – aus einem einfachen Grund: „Meine Frau hatte keine Affinität zur Schifffahrt. Die Ursache war eine windige Helgoland-Fahrt – das war ein kleines Trauma für sie.” Mit seinen Schülern unternahm er jedoch Kursfahrten auf holländischen Segelschonern in der dänischen südlichen Ostsee. „Zum Schnuppern habe ich außerdem mit meiner Frau eine kleine Kreuzfahrt von Hamburg nach Southampton mit dem Cunard-Schiff Queen Elizabeth gemacht”, so Rauscher. Eine Erfahrung, die dem Paar zwar gefiel, doch weitere, längere Kreuzfahrten mit tausenden Passagieren und Unterhaltungsprogramm an Bord kamen für die beiden nicht in Frage.
Agenturen für Frachterreisen
2009 ging Axel Rauscher in den Ruhestand, seine Frau war noch im Schuldienst. Als Pensionär interessierte er sich dafür, mit dem Schiff abgelegene Gebiete der Welt zu bereisen – und stieß durch einen Zufall auf Frachterreisen. „Es gibt Reedereien, die Kontingente für Passagiere an Bord von Containerschiffen haben”, erklärt Rauscher. Für die Buchung gebe es spezialisierte Agenturen, die Reisen zu einer Vielzahl von Zielen anböten und sich um Visa und Einreiseformalitäten kümmerten.
Für seine erste Reise als Passagier eines Containerschiffs wählte Axel Rauscher eine verhältnismäßig kurze Strecke: Er fuhr im Jahr 2009 mit einem Feederschiff von Bremerhaven durch den Nord-Ostsee-Kanal über Polen und das Baltikum bis Danzig. Bereits hier lernte er die Besonderheiten der Mitreise auf einem Frachter kennen. „Nicht mehr als zehn Passagiere dürfen mitfahren, sonst müsste ein Arzt an Bord sein. Auf meinen Reisen waren wir aber maximal vier Personen”, erzählt er. „Viele Leute denken, sie müssten auf dem Schiff tätig werden, aber man darf nicht helfen. Angenehm ist, dass man jederzeit auf die Brücke gehen kann, wenn der Kapitän das erlaubt.” Auf seiner Reise nach Danzig hielt das Schiff an zwei, drei Häfen. Für die Zeit der Be- und Entladung des Schiffes waren Landgänge möglich, zum Beispiel an der Kurischen Nehrung in Klaipeda oder in Danzig selbst.
Auch an „Luxus” fehlte es Axel Rauscher auf dieser und seinen folgenden Reisen mit Frachtschiffen nicht. „Man isst mit den Offizieren in der Offiziersmesse – man hat sozusagen jeden Tag Captain’s Dinner. Und die Kabinen für die Passagiere sind geschätzt 30 Quadratmeter groß – mit Wohn- und Arbeitsraum. Diese gehobenen Kabinen mit Außenfenster wurden für die Teileigentümer und weiteres technisches und nautisches Personal eingebaut”, so der Pensionär. Für die Reedereien sei die Mitnahme von Passagieren lukrativ: Die Kosten von rund 100 Euro pro Passagier pro Tag dienten dazu, die Mannschaft zu verpflegen. Auch mit der Mannschaft hatte Rauscher während der Fahrt Kontakt. „Wir Passagiere haben versucht, mit allen in engen Kontakt zu treten. Wir haben auch mal in der Mannschaftsmesse gegessen”, erzählt er. Auch bei Geburtstagsfeiern oder Karaoke-Abenden der Mannschaft sei er dabei gewesen. Zur Besatzung gehörten dabei rund sechs bis 24 Personen – je nach Größe des Schiffes und Umfang der Reise.
Durch große Kanäle
Seine zweite Reise als Passagier an Bord eines Frachtschiffes unternahm Axel Rauscher bereits ein Jahr später, im Jahr 2010, auf dem Mittelmeer. Insgesamt drei Wochen war er von Venedig über Kroatien, Ägypten, Zypern bis Israel und über dieselbe Strecke zurück unterwegs. „Auf der Reise hatten wir sehr viel Verspätung durch widrige Winde. Man muss immer mit Verzögerungen rechnen”, erzählt der 81-Jährige.
Nach dieser Reise hatte Axel Rauscher mit dem Thema Frachtschiffreisen noch nicht abgeschlossen. Mit dem Containerschiff durch die großen Kanäle fahren, das war sein nächstes Ziel. Im Jahr 2011 trat der Uelzener eine Fahrt an, die von Hamburg über Antwerpen, Spanien, die Karibik und Peru bis Chile ging – inklusive Durchfahrt des Panamakanals, ein besonderes Erlebnis. „Wir hatten große Maschinenteile für Kupferbergwerke an Bord”, erinnert sich Rauscher an die 30-tägige Reise.
Seine außergewöhnlichste Reise unternahm der Pensionär schließlich 2014 – mit einem 300 Meter langen Containerschiff ab Genua durch den Suezkanal bis Singapur. Nach einem übereilten Start – das Schiff reiste früher als geplant ab, so dass für Axel Rauscher Eile geboten war, nach Genua zu kommen – kam das Schiff nach der Durchquerung verschiedener Risikogebiete mit einer Woche Verspätung nach 30 Tagen in Singapur an. Hier wartete schon Rauschers Frau auf ihn, die mit dem Flugzeug gekommen war. „Sie musste auf ihren Seemann warten”, scherzt Rauscher.
Soldaten an Bord
Auf einer Fahrt durch Risikogebiete dabei zu sein, war für Axel Rauscher aufregend, aber auch bedrohlich. „Am Horn von Afrika wurden auch mal Schiffe von Piraten geentert. Aber unser Kapitän sagte immer, die Baumarkt-Leitern der Piraten reichen gar nicht bis an die Reling”, erzählt Rauscher schmunzelnd. Die Bedrohung war jedoch real und greifbar, denn auf der Strecke von Suez bis Sri Lanka waren vier schwer bewaffnete Soldaten an Bord, um das Schiff zu verteidigen. „Ich habe keine direkte Bedrohung erlebt, aber wir durften zum Beispiel das Brückenhaus nicht verlassen”, sagt er. „Abends mussten wir alle Bullaugen und Fenster verdunkeln, damit die Piraten nicht sehen, wie groß das Schiff ist.” Außerdem habe es an Bord Übungen für den Notfall gegeben. „Als Rückzugsraum gab es eine Überlebenskabine, wie ein Bunker, auf dem Schiff. Man musste einen Notrucksack mit persönlichen Dingen haben. Das war bedrohlich, und die Soldaten – ehemalige Marines der britischen Armee, die als Sicherheitsdienst von der Reederei angeheuert waren – machten einem schon Angst mit ihrer großen militärischen Ausrüstung.” Piraten sah Rauscher selbst auf der Überfahrt keine – doch die Soldaten berichteten über nächtliche Sichtungen.
Kontakt nach Hause hatte Axel Rauscher auf dieser Reise kaum. Die Kommunikation war schwierig, Handyempfang hatte er kurioserweise nur kurz bei Sri Lanka und den Malediven, ab und zu konnte er SMS verschicken. Mit der besonderen Gefährdungslage hatte Rauschers Ehefrau im Vorwege nicht gerechnet, im Notfall konnte sie jedoch die das Schiff betreuende Agentur kontaktieren. Auch von einem Überfall, den Axel Rauscher auf seiner Südamerika-Reise mit einem anderen Passagier bei einem Landgang im peruanischen Lima erlebt hatte, hatte er seiner Frau wohlweislich zunächst nicht erzählt.
Auf einem Containerschiff gibt es kein Unterhaltungsprogramm, kein Wellnessangebot und keine Restaurant-Auswahl. „Man muss sich schon selbst beschäftigen können”, meint Rauscher, „und man muss Interesse haben, hautnah dabei zu sein. Ich hatte immer einen guten Austausch.” Während die Mannschaft überwiegend aus Malaysia und von den Philippinen kam, waren die Offiziere Deutsche, Franzosen, Polen, Ukrainer oder auch Russen. An Bord wurde Englisch gesprochen, was dem Uelzener als ehemaligem Englischlehrer leichtfiel. Doch auch wenn der Austausch an Bord nett war, wurde ihm die Reise manchmal schon lang. „Über den Indischen Ozean fährt man fast 14 Tage, da brennt die Sonne. Aber man sieht tolle Sonnenauf- und -untergänge und erlebt tropische Unwetterlagen”, erinnert er sich. Und die Aufforderung an die Besatzung und Passagiere an Bord, nach dem im Indischen Ozean verschollenen malaysischen Flugzeug Ausschau zu halten, war eine aufregende Aufgabe. Jeder Passagier vertrieb sich seine Zeit. Rauscher hatte viele Bücher dabei, ein weiterer Passagier, ein französischer Maler, malte Porträtbilder von der Besatzung. Einzige Unterhaltung an Bord waren Karaokegesänge und ein Grillabend der Mannschaft. Ein kurioser Vorfall an Bord war die Absetzung des Schiffskochs nach einem Streit mit dem Kapitän. „Der zweite Offizier hat stattdessen gekocht, der fiel dann bei der Wache weg. Ein neuer Koch stand erst nach einer Woche zur Verfügung”, erinnert sich der Pensionär.
Die Reise durch den Suezkanal war Axel Rauschers letzte Frachtschiffreise. „Ich wollte noch mal von meiner Heimatstadt Wilhelmshaven aus reisen, aber das habe ich nun doch nicht mehr geschafft”, so der 81-Jährige. Inzwischen hat er Enkelkinder bekommen und sich mit seiner Frau ein kleines Wohnmobil gekauft, mit dem sie die Häfen nun von der Landseite bereisen. (JVE)
Fotos: Tim Martin/photogrok.de, privat
