Der Lüneburger Claas Hoffmann malt legale Graffitis

Claas Hoffmann hat eine Leidenschaft dafür, großflächige Graffitis zu malen – legal auf dafür freigegebenen Flächen oder als Auftragsarbeit. Einige seiner Werke zeigt er nun auch in einer Ausstellung in Lüneburg. Angefangen hat alles in der Gemeinde Radbruch, wo Claas Hoffmann aufgewachsen ist. Zu Hause zeichnete er schon mit acht Jahren die Lucky-Luke- und Asterix-Comics seines Vaters ab. 

In der Schule malte und kritzelte er, wie viele Gleichaltrige, im Unterricht, manchmal auch kleine Graffitis. Während viele Mitschüler damit irgendwann aufhörten, konnte Claas nicht genug kriegen. Als das Malen auf Papier dem Teenager, der sich inzwischen der Hip-Hop-Szene zugewandt hatte, nicht mehr reichte, mussten die Bushaltestellen, der Treffpunkt der Jugendlichen, in seiner Heimat Radbruch herhalten. „Mit Freunden habe ich die Bushaltestellen in Radbruch vollgekritzelt”, erinnert sich der heute 34-Jährige, „doch über einen Zeitungsartikel haben meine Eltern mich entlarvt. Dann mussten wir uns beim Bürgermeister entschuldigen.” Ärger gab es natürlich auch von den Eltern, doch ihnen war klar, dass ihr Sohn nicht mit dem Malen aufhören wollte. So besorgte sein Vater ihm eine etwa 5 mal 1,20 Meter große Wand, befestigte sie am eigenen Zaun und ließ Claas und seine Freunde darauf sprayen. Eine weitere positive Folge hatte das Gekritzel an der Bushaltestelle noch: Claas und seine Freunde erhielten den ersten offiziellen Auftrag – die Bushaltestelle legal zu bemalen.

 

Schriftzug „AXIT”

Seitdem war es das für ihn mit dem illegalen Sprayen. Am liebsten sprüht Claas Hoffmann riesengroß an Wände, die extra dafür zur Verfügung stehen. Einige davon gibt es auch in Lüneburg, wo er seit nunmehr 13 Jahren lebt. AXIT ist der Name, der auf seinen Graffitis immer auftaucht. Den Ursprung erklärt er so: „Als ich mit 18, 19 einen Tiefpunkt hatte, hatte ich eine sehr gute Freundin, die mir ein Punkerpatch geschenkt hat, auf dem ein Barcode mit AXIT stand.” Für AXIT verwendet der Sprayer keine feste Schreibweise, selten ist es das korrekt geschriebene „Exit”. „Es gibt Phasen, in denen ich es anders schreibe. Der Name gibt es her, dass man variiert”, erklärt er. Auch Auftragsarbeiten nimmt Hoffmann an, doch leben kann er von der Kunst nicht. Der 34-Jährige arbeitet hauptberuflich als Erzieher in einer Wohngruppe. Wenn seine zwei Kinder in der Kita sind, kann er vormittags losziehen und malen. „Ich habe überlegt, das auszubauen, aber ich habe mich dagegen entschieden”, so Claas Hoffmann. So nimmt er nur ein- bis dreimal im Jahr Auftragsarbeiten an – hauptsächlich, um sich sein teures Hobby zu finanzieren. „Von den Aufträgen geht der komplette Lohn in Sprühdosen”, erklärt er. Drei bis vier Euro koste eine Dose, die ungefähr für zwei Quadratmeter reiche. „Man kann die Farben nicht mischen, und ich male mit sehr vielen Farben”, erläutert der 34-Jährige. So brauche er für eine Wand rund 20 bis 50 Sprühdosen. Bei so einem kostenintensiven Hobby sei auch seine Frau froh darüber, dass er dafür nicht an die Haushaltskasse gehen müsse, meint er. Dafür verkauft er auch T-Shirts mit eigenen Siebdrucken. Aufträge erhält der Graffitikünstler in der Regel über Weiterempfehlungen, doch bei den Preisen schrecken viele zurück: „Ich werde immer mit der Haltung konfrontiert: Du bist doch Maler, mal das doch mal an – sei froh, dass wir Dir ‘ne Wand geben! Aber ich bin nicht auf deren Flächen angewiesen.” Im Lüneburger Stadtgebiet gibt es ein paar Wände, zum Beispiel in Kaltenmoor und am MTV-Platz, an denen jeder malen darf. „Die Wände malt man immer wieder über”, erklärt er, „ich mache immer ein Foto davon und freue mich, wenn es lange bleibt. Einige werden schnell übergemalt, einige bleiben auch bis zu einem Jahr.” Den „Kick”, den er als Jugendlicher beim heimlichen Sprühen verspürte, sucht er schon lange nicht mehr. Vielmehr braucht er Zeit, um sich richtig auszuleben. Je nach Aufwand benötigt er für ein Bild drei bis acht Stunden. Beim Malen kann er richtig abschalten. „Ich ziehe da total viel Energie raus”, so Claas, der nicht nach Hause geht, bevor ein Bild fertig gemalt ist.

Stilgebendes Moosgummi

Bei seinen Bildern setzt Claas Hoffmann auf einen besonderen Stil, den er vor sechs Jahren entwickelte, als er mit seiner kleinen Tochter zu Hause war. Dabei probierte er aus, Moosgummi so hinter- oder aufeinanderzuschichten, dass es perspektivisch wirkt. Das war stilgebend, so dass er meistens in diesen Schichten malt. Seine Bilder bestehen in der Regel aus Schrift, die er bis zur Unleserlichkeit abstrahiert. „A ist zum Beispiel ein Dreieck und N ein Quadrat – das bietet mir total viele Möglichkeiten”, erklärt er. In Lüneburg gibt es eine große, gut vernetzte Sprayerszene. Doch nach zwei Jahren ist Claas Hoffmann der erste, der seine Graffitis und Streetart nun in Lüneburg ausstellt. Zuletzt hatte der Lüneburger sich an Sammelausstellungen im Ruhrgebiet, Rheinland und Leipzig beteiligt, nun hat er eine Soloausstellung, die er selbst kuratiert. „Das fühlt sich sehr besonders an”, meint er. Verschafft hat ihm die Ausstellung ein vorangegangener Auftrag, eine Außenwand an der Avenir Kaffeerösterei im Ilmenaugarten zu bemalen. Da das Bild so gut ankam, wurde er gefragt, ob er nicht im Avenir ausstellen wolle. Seit November und noch bis zum 5. Februar 2022 sind nun einige seiner Werke in der Ausstellung „Signs” zu sehen, die auch zum Verkauf stehen. Neben Kunstdrucken stellt er auch bemalte Straßenschilder aus, die zunehmend beliebter werden und für bis zu 800 Euro verkauft werden. Die ausrangierten Straßenschilder, manchmal dreckig und verbeult, erhält er über einen Bekannten. Auch seine Moosgummi-Schnitte, die er als Streetart im DIN A3-Format in Städten anklebt, stellt er aus. Während seine Moosgummi-Streetart in Lüneburg schnell entfernt oder geklaut wird, bleibt sie im Hamburger Schanzenviertel oder Städten wie Düsseldorf oder Leipzig lange hängen. „Es kommt auf die Viertel der Städte an. Lüneburg ist eine sehr geleckte Stadt, das ist kritisch zu betrachten”, meint er, die Jugendkultur werde nach außen gedrängt.

 

Städte mitgestalten

 

Wer sich ein bisschen in der Szene auskennt, kann die Schriftzüge der verschiedenen Graffitisprayer auch im Lüneburger Stadtgebiet unterscheiden. Selbst Claas Hoffmanns sechsjährige Tochter erkennt inzwischen die Bilder ihres Vaters, der zweijährige Sohn übt noch: „Mein Sohn nimmt jedes Graffiti in der Stadt wahr und fragt, ob es von mir ist.” Rund 20 sehr aktive Graffitisprayer habe Lüneburg, so Hoffmanns Schätzung, 30 bis 50 würden gelegentlich hier malen. Für ihn ist das Malen der Graffitis weit mehr als ein Hobby – eher eine tiefgehende Leidenschaft, die voll in sein Leben integriert ist: „Ich könnte damit nicht aufhören, dazu ist es zu alltagsprägend.” Es macht ihm Spaß, als Ausgleich zum Alltagsstress Orte und Städte mit zu gestalten und mit ganzem Körpereinsatz etwas zu schaffen. „Ich drücke über die Bilder meine Emotionen aus. Die Bilder sind sehr strukturiert gemalt, dabei bin ich eigentlich eher so ein Tüdelkopf und nicht strukturiert. Das ist mein Gegenpol.” Auch bei Besuchen in anderen Städten achtet der Sprayer hauptsächlich auf bemalte Wände. „Ich war ein-, zweimal in Dresden und habe die Frauenkirche gar nicht wahrgenommen”, erinnert er sich. „Mit Szeneinternen treffen wir uns nicht im Zentrum der Städte, wo es so geleckt ist.” Legale Flächen oder Abrissgebäude zum Bemalen gebe es in jeder Stadt. Während in Lüneburg die Graffitiszene hauptsächlich aus Männern besteht, sieht Claas Hoffmann in Städten wie Düsseldorf oder im Rheinland und Ruhrgebiet einen deutlichen Wandel. Vielleicht könne man das Attribut Wut vom Rap auf Graffiti übertragen, die bei Frauen gesellschaftlich noch nicht anerkannt sei, vermutet der Lüneburger. Seine Frau, die den Hip Hop genauso liebt wie er, ist ebenfalls künstlerisch aktiv und ist neben ihrem Hauptberuf als Sozialpädagogin auch Clownin. „Wir sind beide sehr kreative Menschen und befruchten uns damit gegenseitig”, meint er. Außenstehende sind für die Beurteilung seiner Bilder wichtig für ihn, auch andere Künstler – schließlich ist ihm daran gelegen, sich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Große Wände mit anderen zu bemalen macht ihm besonders viel Spaß. „Häufig malt jeder sein Bild neben dem anderen mit gemeinsamem Hintergrund oder einem gemeinsamen Thema”, erklärt der Künstler, dessen gesamter Freundeskreis Streetart oder Graffiti verbunden ist. Wenn Claas Hoffmann nicht gerade unterwegs ist zum Malen, kann er auch zu Hause künstlerisch tätig werden. In seinem Keller hat er einen Atelierraum, doch mit der Sprühdose geht er lieber nach draußen. Gearbeitet wird mit Malklamotten und Halbgesichtsmaske. Im Gegensatz zu den Autolacken, auf die viele Sprayer noch in den Achtzigern zurückgriffen, sind seine Farben jedoch schon weniger gesundheitsschädlich. Als Claas coronabedingt in Quarantäne musste, ließ er sich eine zwei mal drei Meter große Wand besorgen, die er an seine Hausfassade schraubte, um zu Hause sprühen zu können. Die Quarantäne dauerte wider Erwarten nur drei Tage, nun wird die Wand gelegentlich noch genutzt – auch von seinen Kindern mit Plaka- oder Fingerfarben. „Mit Sprühdose wäre es zu gefährlich, weil es zu schwer zu kontrollieren ist”, meint Hoffmann. Die Coronazeit konnte der Sprayer bisher für sich eher positiv nutzen. „Ich habe vielleicht sogar mehr gemalt. Das konnte man ja trotz Abstandsregelung gut machen. Diese Themen haben 

 

uns nicht bewegt, weil man ja eh immer Abstand hält”, sagt er. (JVE)

Vergängliche Kunst