Tiny Houses und „Vanlife“-Hype – nur Trends für Wohlstandsmüde oder doch mehr?

Er ist der drittreichste Mann der Welt, hat ein Vermögen von über 200 Milliarden Euro – und wohnt dafür ziemlich bescheiden. Tesla-Boss Elon Musk lebt in einem kleinen Tiny House auf dem Gelände seiner Weltraum-Firma SpaceX in Texas. Und er liebt es offensichtlich, wie er in einem Tweet offenbarte: „Mein Zuhause ist ein gerade mal 35 m² großer Wohncontainer, und es ist fantastisch!“

 Was der Milliardär Elon Musk so bejubelt, findet auch unter Menschen mit Normaleinkommen immer mehr Anhänger. Auch hierzulande ist der eins-tige Nischentrend vom Wohnen auf kleinstem Raum angesichts steigender Immobilienpreise langsam erwachsen geworden. Leopold Tomaschek hat sich selbst in Lüneburg ein Tiny House gezimmert und gleich danach eine Bau- und Beratungsfirma für Mini-Eigenheim-Interessierte gegründet: „Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Planung, Gestaltung und rechtlicher Unterstützung im Baugenehmigungsprozess“. Eine solche Genehmigung zu erhalten, ist in Deutschland nicht ganz so easy wie zum Beispiel in den USA: Soll ein Tiny House (Kosten: ab 50.000 Euro) als fester Wohnsitz genutzt werden, unterliegt es nämlich den gleichen Vorschriften wie jedes andere Gebäude. Sprich: Das Baurecht wird von den Behörden auch für ein Minihaus angewandt. Tomaschek ist trotz der bürokratischen Hürden sicher, dass der Trend zum „Downsizing“ beim Wohnen weiter gehen wird, schon allein aus ökologischen Gründen: „Wir kaufen Sachen, die wir nicht brauchen, schmeißen immer mehr immer schneller auf den Müll. Und wir wohnen oft in zu großen Wohnungen.“

Dass Menschen dem Lebenskonzept des „Weniger-ist-mehr“ darum viel abgewinnen können,  liegt in diesen Zeiten auf der Hand. Allein Umweltgründe sind es aber wohl nicht: Wer weniger Wert auf materialistische Dinge legt, sticht einfach auch eher hervor. „Wenn man auf dem Golfplatz mit einem Dacia vorfährt oder als einziger im Freundeskreis ohne teure Uhr am Handgelenk erscheint, dann wirkt man besonders“, sagt Diplom-Psychologe Frank Quiring vom rheingold institut.

 

 

Wille zum Verzicht ein Luxus-Problem?

Doch das muss man sich erst mal leisten können.
Mit anderen Worten: Nur wer schon (fast) alles hat, kann auch verzichten. Ist
die Grundidee des achtsamen Verzichts darum per se wirklich nur ein
Luxus-Problem? Dagegen spricht insgesamt eine Änderung in der Lebens- und
Wohnkultur bei vielen, vor allem jungen Menschen. Im Grunde sehnen wir uns doch alle nach Überschaubarkeit, sagen dazu Psychologen. Und durch weniger haben und kaufen entsteht das wohlige Gefühl von Kontrolle. Bei zirka 10.000 Gegenständen jedoch, die jeder Deutsche rein statistisch besitzt – vor rund 100 Jahren waren es noch 180 pro Haushalt –  kann allerdings von Kontrolle keine Rede sein.
Da ist die Motivation, sich von mehr oder weniger unnötigem Ballast zu trennen, natürlich groß. Bereits vor 20 Jahren hat Werner Tiki Küstenmacher davon in seinem millionenfach verkauften Ratgeber „Simplify Your Life“ geschrieben und das zu einem Weg zu mehr „Lebenszufriedenheit“ (v)erklärt.

Heute hier, morgen dort

Ähnlich wie die zunehmende Zahl der Tiny
House-Enthusiasten sind auch die sogenannten Vanlifer, moderne Nomaden, die in ihren oftmals selbst umgebauten Kastenwagen (die sich heute alle „Vans“ nennen) unterwegs sind, getrieben von einem autarken, „anderen“ Lebensstil. Wobei das rollende Heim noch mehr „Freiheit“ verspricht. Der Hashtag #homeiswhereyouparkit gehört aktuell zu den beliebtesten Schlagwörtern in der Szene und trifft den Lebensstil der Vanlebenden auf den Punkt: Heute hier, morgen dort – und überall zuhause. Privatheit wird dabei weniger wichtig. Daher wird fotografiert, dass die Linse raucht und über Socialmedia geteilt. Das verbindet viele „Vanlifer“ auch wieder mit der Tiny-House-Gemeinde. Natürlich gibt es unter den Menschen, die im Campingbus übernachten, aber auch zahlreiche, die das nicht „freiwillig“ tun.
Sie wurden wegen der explodierenden Mietpreise gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Da können sowohl das Tiny House als auch der umgebaute Camper dann eine ganz reale Lösung bedeuten. Es gibt zahlreiche Anbieter,
die einem beim Umbau des stinknormalen Kastenwagens zum Wohnhaus auf Rädern helfen – und auch wer lieber ein Tiny House sein eigen nennen will, kann sich das heute schon bei Tchibo bestellen. Umweltgedanken, finanzielle Sorgen und der Wunsch nach mehr Zeit und Freiheit sind die Treiber der sozialen Bewegung, die immer noch erst am Anfang steht, meinen Experten. „Den Raum, in dem man lebt, zu verkleinern, ein komplizierter werdendes Leben zu vereinfachen, diese Philosophie hat durch die Pandemie und durch die Möglichkeiten, nicht nur ortsgebunden seiner Arbeit nachzugehen, an Gewicht gewonnen“, sagt Sozialpsychologe Ralph Herrhaus. „Und noch ganz andere, neue Wohn- und Lebensmodelle sind ja bereits im Entstehen.“ (RT)

Foto: ©simona – stock.adobe.com

Klein, mein, und einfach cool