Die Biologin Nadin Hermann ist fachliche Leiterin des Arche-Parks Lüneburg
Ein großer Teil von Nadin Hermanns Arbeit beim Umweltbildungszentrum SCHUBZ in Lüneburg sind die Projektkoordination und Konzeption von Bildungsangeboten, also Büroarbeiten – doch das Herz der Biologin schlägt für Tiere. Seit Gründung des Arche-Parks Lüneburg im Jahr 2017 hat sie hier die fachliche Leitung, das heißt, sie ist für das Tierwohl verantwortlich.
Der Arche-Park ist eine Außenstelle des SCHUBZ, deren Betrieb zu hundert Prozent durch Spenden über den Förderverein finanziert wird. In dem Lernort Arche-Park am Ochtmis-ser Kirchsteig gibt es Bildungsangebote zu verschiedenen Themen für unterschiedliche Altersgruppen. Über einen öffentlichen Rundweg, der frei zugänglich ist, können hier jederzeit vom Aussterben bedrohte alte Nutztierrassen bestaunt und hautnah erlebt werden – ohne teure Eintrittsgelder. Besonders für Familien mit kleinen Kindern sind die Tiergehege im Lüneburger Ortsteil Ochtmissen ein beliebtes Ausflugsziel.
Nicht jedes Wildgehege darf sich Arche-Park nennen. Es müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, die die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) überprüft und die den geschützten Titel vergibt. „Zum Beispiel müssen mindestens fünf Tierrassen in verschiedenen Kategorien gezeigt werden, das sind Geflügel, Kaninchen, Schafe und Ziegen sowie Rinder oder Pferde”, erläutert Nadin Hermann. Der Arche-Park Lüneburg gehört zur Arche-Region Flusslandschaft Elbe, Deutschlands erster Arche-Region, die 2011 länderübergreifend zwischen Lüneburg, Lüchow, Lübtheen und Boizenburg entstanden ist. In den drei Bundesländern Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg halten 180 Familien mehr als die Hälfte aller gefährdeten Rassen. Außerdem sind 33 Höfe offiziell als Arche-Betrieb von der GEH zertifiziert worden.
Alte Haustierrassen
Der Arche-Park in Lüneburg wurde 2016 von einem Team des SCHUBZ um Initiator und SCHUBZ-Geschäftsführer Dr. Frank Corleis aufgebaut. Das ehemalige Wildgehege in Ochtmissen stammte aus Privatbesitz. „Der Park war vorher ein Liebhaber-Projekt. Das SCHUBZ hat den Tierbestand übernommen und langsam auslaufen lassen”, erklärt Nadin Hermann, die beim Aufbau des Arche-Parks dabei war. „Noch bis letztes Jahr haben wir Sikas als Tradition behalten, aber ihre Haltung wurde immer aufwendiger. Sie leben jetzt in der Nähe von Bremen. Zwei Alpakas haben wir in eine Herde bei Gifhorn gegeben – die haben sich so gefreut, weil sie Herdentiere sind. Und die Kamerunschafe hat eine Kollegin genommen.” Nach der Übernahme durch das SCHUBZ musste der Park zunächst erheblich umgebaut und modernisiert werden. So gab es zuvor beispielsweise keinen Wasser- und keinen Stromanschluss und keine Toiletten, und auch ein Seminarraum musste her. Erneuert werden mussten außerdem die Wege und Zäune. Die Umgestaltung und Grundsanierung, die insgesamt ein Jahr dauerte, konnten über Fördermittel in Höhe von 250.000 Euro finanziert und durch erhebliche Eigenleistungen des Teams realisiert werden. Während des Umbaus kümmerten sich ein Helfer und eine neu eingestellte Tierpflegerin um die verbliebenen Tiere, bevor der Arche-Park als neuer Lernort in Lüneburg 2017 eröffnete. Bis heute sind mehr als 600.000 Euro in den Aufbau des Arche-Parks investiert worden.
Die Vielfalt der alten und gefährdeten Haustierrassen im drei Hektar großen Arche-Park Lüneburg ist groß. Hier gibt es Rotbunte Husumer Schweine, Weiße hornlose Moorschnucken, Vorwerkhühner, Deutsche Lachshühner, Braune Marderkaninchen, Lippegänse, Thüringer Wald Ziegen, Coburger Fuchsschafe, Hausesel und Poitou-Esel. Für die Grundversorgung der Tiere – Heu geben, ausmisten, saubermachen – ist Tierpflegerin Alina Schrader zuständig, die durch weitere Mitarbeitende unterstützt wird.
Um das Projekt ins Rollen zu bringen, schrieb das SCHUBZ zunächst seine Kooperationsschulen an und betrieb viel Öffentlichkeitsarbeit über die sozialen Medien. „Im zweiten Jahr nach der Eröffnung waren rund 4.000 Schülerinnen und Schüler da, die die Bildungsangebote wahrgenommen haben”, erzählt Nadin Hermann. „Die verschiedenen Angebote sollen Transparenz in der Landwirtschaft und Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln schaffen.” So gibt es Angebote für Kita-Kinder mit Tieren wie Ziege, Schaf, Schwein und Esel, während Grundschulkinder in Projekten die alten Haustierrassen entdecken, Schafe scheren, im Hühnerstall mitarbeiten oder an einem Kartoffelprojekt, der Gemüseschule oder der Aktion „Vom Korn zur Waffel” teilnehmen können. Auch Projekte für Kleingruppen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf oder geringen Deutschkenntnissen im Grundschulalter werden angeboten. Für ältere Schülerinnen und Schüler gibt es ein Escape-Game sowie Mitmachaktionen. Als weiteres Standbein wird im Arche-Park in Zusammenarbeit mit der Psychiatrischen Klinik und dem Jugendamt außerdem die tiergestützte Förderung angeboten, die eine eigens angestellte Heilpädagogin durchführt. Für die Therapie von Jugendlichen mit ADHS, Essstörungen oder Impulskontrollstörungen eignen sich grundsätzlich alle Tiere des Arche-Parks, am meisten kommt jedoch der Esel zum Einsatz.
Von Geburtsparese bis Legenot
Nadin Hermann arbeitet seit 2013 im SCHUBZ. Die 46-Jährige stammt aus Berlin, wo sie Biologie mit Nebenfach Tiermedizin, Tierzucht und Tierernährung studierte. Sie pendelt jeden Tag nach Lüneburg – da ihr Partner, ebenfalls ein Biologe, zur Arbeit nach Hannover pendelt, lebt das Paar in der Mitte, in Uelzen. Im SCHUBZ ist sie unter anderem für die Projektkoordination, die Konzeption der Bildungsangebote, das Schreiben von Förderanträgen und das Controlling zuständig. Als fachliche Leitung arbeitet die Biologin bezahlt nur wenige Stunden pro Woche im Arche-Park – doch sie ist viel mehr vor Ort. „Man muss abrufbar sein”, erzählt sie. „Ich bin verantwortlich für das Tierwohl. Wenn es einem Huhn schlecht geht, fahre ich hin. Ich bin keine Tierärztin, aber man lernt echt viel in der Praxis – von Geburtsparese bis Legenot.” Die 46-Jährige weiß genau, in welchen Fällen sie helfen kann und wann ein Tierarzt gerufen werden muss. „In 70 Prozent der kleineren Fälle kann ich selber helfen. Zum Beispiel kann ich ein Huhn warm baden, wenn es Legenot hat. Aber bei einer Wunde oder ernsthaften Krankheiten würde ich immer den Tierarzt rufen.”
Im Unterschied zu heute gängigen, leistungsstärkeren Tierrassen seien alte Nutztierrassen oft robuster, erklärt die Biologin. Sie könnten Futter anders verwerten und seien nicht so anspruchsvoll, zum Beispiel im Vergleich zu Hochleistungsrindern. „Unser Eber Lillebror frisst überwiegend Heu. Das würden andere Schweine nicht können.” Doch bei aller Robustheit seien auch die Tiere im Arche-Park nicht gegen Vogelgrippe oder die Blauzungenkrankheit gefeit.
Nadin Hermann freut sich über die Beliebtheit des Arche-Parks bei Lüneburger Familien. „Aber meine größte Not ist die externe Fütterung”, erklärt sie. Es sei zu viel und oft nicht das Richtige für die Tiere, wenn Dutzende Besucher am Tag ihnen Futter gäben. „Man darf die Tiere mit gar nichts füttern. Selbst die Möhre, Gras und jeder Apfel sind zu viel.” Ihr sei klar, dass die Menschen es gut meinten – doch die Tiere mache das krank: Der Park habe gerade wieder ein Schaf und zwei Ziegen verloren, weil sie mit Eicheln gefüttert worden seien. „Bei Pansen-azidose, einer Übersäuerung bei Wiederkäuern, kann man nichts machen. Die Tiere können nicht erbrechen und blähen auf – das ist ganz fürchterlich”, so Nadin Hermann. Wenn sie Besucher im Park sehe, die Tiere füttern, weise sie sie freundlich darauf hin, doch sie räumt ein: „Nett zu bleiben, wird von Jahr zu Jahr schwieriger.” Der Arche-Park bietet öffentliche Fütterungen durch die Tierpflegerin an, bei der auch Fragen gestellt werden können. Diese seien besonders beliebt bei Kita-Gruppen, so Nadin Hermann.
Training für Besuchergruppen
Jeden letzten Sonntag im Monat gibt es im Arche-Park Lüneburg einen Aktionstag, der sich großer Beliebtheit erfreut. Dann gibt es auch Waffeln und Getränke aus dem Futterwagen. Am 31. Mai ist Schafschurfest mit Aktionen rund um die Wolle. Der Eintritt ist, wie auf dem jederzeit zugänglichen Rundweg, frei.
Nadin Hermann ist auch dafür verantwortlich, dass der Lüneburger Arche-Park seine Zertifizierung behalten kann. Dafür muss jährlich über die Arbeit des Parks Rechenschaft abgelegt werden. Zum Beispiel muss dargelegt werden, warum der Park momentan bei allen Tieren mit der Zucht aussetzt. „Die Kosten wurden immer höher und Jungtiere bedeuten mehr Arbeit”, so Nadin Hermann. So hätten in der Vergangenheit immer wieder Flaschenlämmer und -ferkel versorgt werden müssen. „Ich mache das super gerne, aber wir haben begrenzte personelle Ressourcen, und die Kosten sind zu hoch.”
Die 46-Jährige trainiert regelmäßig mit den Tieren im Park, damit sie mit den Besuchergruppen umgehen können. „Die Tiere müssen einfach trainiert sein. Teilweise machen das auch die Heilpädagogin und unser Ergotherapeut, aber das ist ja das, was Spaß macht!” So kommt die Biologin im Arche-Park locker auf zehn Stunden Arbeit pro Woche. Auch am Wochenende nach Lüneburg zu kommen, ist für die 46-Jährige keine Seltenheit. „Ich hatte auch schon Nachtschichten, weil Flaschenferkel oder -lämmer gefüttert werden mussten. Das machen wir zu dritt in Schichten aufgeteilt, und geschlafen wird im Schäferwagen”, erklärt sie. Selbst Silvester hat sie schon dort übernachtet. „Am Kreideberg ist Silvester viel los, deshalb sperre ich alle Tiere ein und gebe ihnen kurz vor Mitternacht Futter, damit sie abgelenkt und positiv gestimmt sind.” Auf den Silvesterlärm würden die Tiere ganz unterschiedlich reagieren: „Die Ziegen sind am aufgeregtesten, sie laufen panisch hin und her. Die Esel waren gelassen, und die Schweine schlafen satt. Die Schafe sind auch etwas unruhig.” In der Silvesternacht hat Nadin Hermann ihren Partner dabei, zum Anstoßen kommt auch mal eine Kollegin vorbei. „Das ist schon ein bisschen Abenteuer.” (JVE)
Foto: Sven Steiner
